Oremus pro Pontifice nostro Franzisco.

Dominus conservet eum et vivificet eum

et beatum faciat eum in terra et

non tradat eum in animam inimicorum eius.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Schadensprävention , Bereich „menschliches Versagen“, Unterbereich: Sucht


Ein Bereich des menschlichen Versagens, der immer wieder zu schweren Schädigungen und Unfällen führt, ist der, dass Menschen in verantwortlichen Positionen, in denen Wohl und Leben anderer von ihnen abhängt in Suchtabhängigkeiten geraten.
Viele sind sich dessen bewusst, dass diese Sucht anderen schadet oder wahrscheinlich schaden wird und dass ihr eigenes Leben immer mehr ihrer Kontrolle entgleitet.
Dennoch suchen sie keine professionelle Hilfe.
Denn ein Bekanntwerden ihrer Schwäche/Sucht würde dazu führen, dass ihnen die Ausübung ihres Berufes nicht mehr möglich wäre.

Der Circulus vitiosus (Teufelskreis), der sich aufbaut, ist wie folgt:
Ausgangslage:
-          Jemand ist süchtig, hat aber noch genug Kraft, um die Kontrolle zu kämpfen. 
-          Er (oder auch sie) würde gerne Hilfe suchen, weil das Problem im Alleingang nicht bewältigbar ist.
Teufelskreis:
-          Wird das Problem bekannt, verliert der Hilfesuchende seine Arbeit, weil durch andere mit dem gleichen Problem schon große Schäden verursacht wurden und niemand bereit ist, das Risiko zu tragen. Insbesondere da dies Klagen von potentiellen Geschädigten hervorrufen würde, dass  die Gefahrenquelle nicht rechtzeitig ausgeschaltet wurde.
-          Also schweigt der der Sucht Verfallene und führt seinen einsamen Kampf.
-          Irgendwann geht der Kampf verloren und es kommt zu größerem, oft öffentlichen Schaden.
-          Aufgrund des Schadens wird nach weiteren potentiellen „Tätern“ gefahndet.
-          Süchte müssen noch stärker verborgen gehalten werden. Therapie wird zum berufsgefährdenden Risiko.

Piloten, Ärzte – und Priester
Von dem Schema betroffen sind viele Gruppen. Zum Beispiel ist es die (in der Öffentlichkeit ungern hoch gespielte) Problematik des Alkoholismus von Piloten oder Ärzten (bei diesen insbesondere im OP-Bereich).
Immer sind hohe berufliche und persönliche Belastungen vorhanden. Immer sind Leben gefährdet.

Wie aber die oft tödliche Spirale durchbrechen, wenn doch leider ein Circulus vitiosus besteht, aus dem weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber ausbrechen können?

Es gibt tatsächlich einen Weg, der von manchen Fluggesellschaften und Krankenhäusern begangen wird: Es braucht einen hoch kompetenten Ansprechpartner, an den sich die Betroffenen wenden können und der vertraglich zu Stillschweigen über das ihm Anvertraute verpflichtet ist.  Der Sorge trägt, dass die nötigen heilenden Maßnahmen ergriffen werden oder der Betroffene eine passendere Anstellung finden kann, ohne dass sein Ruf geschädigt wird.

So wird gewährleistet, dass Erkrankte Heilung finden können und dass niemand unnötig gefährdet wird.

Ein in dieses Feld gehörender Themenkomplex ist auch die Notsituation, in die viele Priester geraten.  Hier ist als Bereich des Kontrollverlustes weniger der Alkohol relevant sondern statt dessen der Umgang mit der Sexualität. Das soll auf keinen Fall implizieren, dass die Problematik innerhalb dieses Standes häufiger als andernorts auftritt. Dies ist nicht der Fall. Aber für diesen Stand ist menschliches Versagen im Bereich der Sexualität besonders kritisch, weil hier eine spezielle Vorbildfunktion erwartet wird.

Leider baut sich oft genau ein solcher Teufelskreis auf.  Statt sich dann ehrlich der eigenen Situation zu stellen, kommt es zu Unredlichkeiten, Lügen und Vertuschungen.

In „Licht der Welt“ hat Papst Benedikt XVI auch zu diesem Thema Stellung bezogen und klargestellt, dass ein Leben in Lüge keine sinnvolle Option ist. Stattdessen ist es wichtig zu prüfen, ob die eigene Berufung eventuell verkannt wurde bzw. da wo es schlichtweg um Versagen geht, auch ernsthaft und aufrichtig Heilung und Beratung zu suchen.
Es bleibt zu hoffen, dass die Worte des Heiligen Vaters überall zu Herzen genommen werden.

Mittwoch, 12. Januar 2011

Weihnachten bis Lichtmess!

Commentarium hat es berichtet: In einer Ansprache hat Papst Benedikt XVI darauf hingewiesen, dass Weihnachten bis zum Fest der Darstellung des Herrn (im Volksmund: Mariae Lichtmess) dauert. Die Tradition hat sich sowieso in meiner Gegend gehalten. Die Krippe in der Kirche und auch meine zuhause kommt nicht vorher weg. Der Tannenschmuck muss halt weichen, wenn er nadelt.

Wie wäre es schön, wenn auch die Texte im Stundenbuch das ein wenig berücksichtigen würden. 

Dass ein Grossteil der Rest der Welt jetzt für etliche Woche nur auf Karneval oder Fastnacht lebt und das spätestens seit Neujahr, als die alljährlichen Lufschlangen auftauchten, ist natürlich eine andere Sache.

Ich fühle mich jetzt wieder legitimiert, zumindest noch ein bisschen instrumentale Weihnachtsmusik zu hören.

Montag, 10. Januar 2011

Hinweis

Josef Bordat hat hier zum tatsächlichen Vermögen und der Finanzlage des Vatikans Fakten und Zahlen zusammengetragen.

Für alle, die wilden Vorstellungen darüber gerne mit Informationen begegnen möchten. Neu ist das alles nicht. Aber die Mythen halten sich hartnäckig - wie immer.

Fürstlicher Denkfehler

Unter dieser Adresse  berichtet kathpress/Österreich (in der DT steht es auch, ist aber nicht verlinkbar), dass sich Bischof Fürst für "Reformen in der katholischen Kirche" ausgesprochen hat.
Gewisse Reformen wollen wir alle, nur was er meinte ist Folgendes über die Jugendlichen:

"Heute und in der kommenden Generation sind sie Kirche. Oder sie sind es nicht. Und dann sind wir als Kirche nicht mehr."

Auch dem könnte man gegebenfalls zustimmen. Nur, wen genau meint er? Es gibt unter jungen Leuten ja sehr viele verschiedene Meinungen und Interessen.

Und da kommt es:  .... "mutige Schritte" ..... "barmherzigere Lösungen" für Wiederverheiratete, Stellung der Frau, Kirchen als "bewohnbare Gemeinschaft", Eucharistieempfang für Nichtkatholiken ...- die ganze Palette durch.

Betrachten wir also den oben zitierten Satz in diesem Licht.
Und?
Eklatanter logischer Denkfehler.

Der Bischof scheint zu meinen, wenn die Kirche nicht ziemlich alles aufgibt, was ihre Identität ausmacht, und eine völlig neue übernimmt, wird es sie nicht mehr geben, weil (so gut wie) niemand diese Identität erhalten will.

Nur - und das scheint er nicht zu bedenken -, wer seine Identität so auswechselt, der existiert sowieso nicht mehr außer vielleicht dem Namen nach.

Samstag, 8. Januar 2011

Nur nicht die ganze Wahrheit

Unter diesem Titel schrieb Zenit am 22. Dezember über das, was geschah, als ein Lehrer in Manosque/Frankreich nach den Veranstaltungen der Familienplanungsgruppen einen Film zeigte, was bei einer Abtreibung geschieht. Er gab die Möglichkeit, vorher den Raum zu verlassen, nachdem er darauf hingewiesen hatte, dass die Bilder sehr hart seien.

Daraufhin seien ihm von der Schulbehörde "mangelnder Respekt gegenüber Jugendlichen und extremistische Ideen"  vorgeworfen worden. Sein 11-jähriger Sohn wurde auf der Straße verprügelt. Die Filmvorführung sei  "maßlos militantes" Verhalten des Lehrers, der einen "gewalttätigen" und "traumatisierenden" Film vorgeführt habe.

Vielleicht sollte es als Fortschritt gesehen werden, dass das Dargestellte als gewalttätig und traumatisierend bezeichnet wird. Wenn es schon eine Dokumentation darüber ist, wie dann erst, das was da geschieht?
Die Region von Manosque hat die höchste Abtreibungsquote Frankreichs, besonders unter Teenagern und trotz des dort schon lange durchgeführten Unterrichts über Verhütungsmittel. Oder wegen? Es soll ja auch Studien geben, die belegen, dass es dort mehr Abtreibungen gibt, wo Verhütungsmittel als völlig sicher und zuverlässig propagiert werden.

Und wie soll sich das Verhalten der Jugendlichen ändern, wenn ihnen die Wahrheit, über das, was sie tun, vorenthalten wird.

Was die angebliche Traumatisierung angeht, wird darauf verwiesen, dass das einige Jahre vorher auch keine Rolle spielte, als im Rahmen der Antiraucherkampagne ein Film mit der Amputation eines Raucherbeines gezeigt wurde.

Dienstag, 4. Januar 2011

Thinktank, Gemeinschaft und Infozentrale - kein Stammtisch

Laurentius Lerinensis hat hier in den letzten Tagen mehrere Beiträge dazu geschrieben, inwieweit die Benutzung von Pseudonymen auf Blogs sinnvoll, gerechtfertig u.a. ist und Thesen über die Einordnung von privaten Blogs im Vergleich zu professionellen (Geld verdienenden) Medien aufgestellt. Dazu gab es heute dann sogar noch eine Kurzstudie ohne wissenschaftlichen Anspruch.

Mein Pseudonym hat genau folgende Gründe, die Reihenfolge ist nicht gewichtet:
a) Ich betrachte das als eine Art schriftstellerische Tätigkeit, und viele Autoren benutzen Synonyme bei ihren Veröffentlichungen.
b) Es macht Spaß.
c) Es gibt Leute, auf die ich Rücksichten nehmen muss. Den Blog schreibe ich als Privatperson. Aber ich bin auch ehrenamtlich tätig, und auch wenn dort, was ich schreibe, zumindest toleriert würde, wäre es unfair, wenn andere, nur weil ich irgendeine leitende Funktion habe, mit den Inhalten identifiziert würden, die überhaupt nicht ihre Meinung darstellen.
Außerdem kann ich so gelegentlich die eine oder andere Peinlichkeit aus meiner Heimatpfarrei zum Besten geben, ohne irgendjemanden zu brüskieren und zu beleidigen - eben weil diese Person dadurch nicht direkt identifizierbar ist.
Ich trage also durch mein Pseudonym zum Schutz anderer bei.  Gleichzeitig kann ich so leichter auf allgemeine Missstände hinweisen.
Wer es wissen will, kann meinen richtigen Namen leicht erfahren, indem er mir eine Email schreibt, die ich gewöhnlich auch beantworte.
d) Ich habe auch eine berufliche Email-Adresse, und wer mich über die erreichen will, ist nicht unbedingt an meinem katholischen Blog interessiert und bekommt ihn auch nicht zwangsweise serviert.

Der Stammtisch-These von Laurentius Lerinensis mag ich nicht zustimmen.
Ich betrachte die verlinkten Blogs mehr als eine Art Thinktank, eine Möglichkeit Meinungen auszutauschen und reifen zu lassen. Ich lerne von den anderen, vielleicht finden sie auch bei mir etwas Hilfreiches. Wir ermutigen uns gegenseitig durch das bloße Wissen über mehr oder weniger Gleichgesinnte. Es besteht eine generelle Offenheit für alle Interessierten von außerhalb. Der über die Suchmaschinen verfügbare Wissensfundus wird auch durch Blogbeiträge erweitert.

Ich betrachte die Arbeit am Blog als etwas Nützliches, Konstruktives und Sinnvolles.

Stammtischrunden konnte ich dagegen noch nie etwas abgewinnen.

Es hat mir persönlich gut getan, diese Bloggergruppe zu finden, und genauso wird es anderen gut tun.

Viele der mir über ihre Blogs bekannten Blogger sind ganz offensichtlich Multiplikatoren. D.h. nicht die reine Leserzahl auf den Blogs ist das Wichtigste. Sondern auch wieviel Menschen über die privaten Mailverteilier erreicht werden können. Von diesen Menschen haben wieder einige Mailverteiler, um die relevanten Informationen weiterzugeben.

Die Recherchen der Mitblogger ersparen mir oft viel Sucharbeit und sind gelegentlich um einiges aktueller als die Meldungen in den Printmedien.

Montag, 3. Januar 2011

Die Forderung nach dem dritten Vaticanum

Diese Forderung wird gelegentlich erhoben. Meist ist sie mit dem Anspruch verknüpft, auf dem geforderten Konzil, werde dann selbstverständlich allen Forderungen nachgegeben, die schon seit den ersten Sitzungsperioden des zweiten Vaticanums durch die Presse und durch die Köpfe einiger Leute geistern.

Ein Blick auf den Ablauf des zweiten Vaticanums sollte eigentlich schon eines besseren belehren. Möglicherweise sollte es auch zu denken geben, dass im vergangenen Jahr ein Rat zur "Neuevangelisierung des Westens" gegründet wurde. Nicht Afrikas oder Asiens, sondern des Westens. Wenn das keine Aussage ist.

Es mag auch sein, dass diejenigen, die so laut ein nächstes Konzil fordern, noch in der Illusion schweben, dass die zum Teil doch recht manipulativien Techniken und Verfahren, die von Einzelnen während des vorigen Konzils erprobt wurden, noch immer oder noch besser greifen würden. Es mag auch sein, dass viele einem der Vorurteile über die anderen Kontinente huldigen, die da z.B. sind: Die kirchlichen Regelungen werden dort ohnehin überall missachtet und in Afrika lebe sowieso fast niemand den Zölibat. in Südamerika sei es nicht viel besser. Ich finde das immer äußerst beleidigend, denn hier wird einfach pauschal zig Millionen Christen unterstellt, dass ihnen die meisten Grundmaximen ihres Glaubens ziemlich egal sind.

Vielleicht geht es hier auch um das Vorurteil, dass wer auch immer sich noch an die christlichen Überzeugungen in Sachen Ehrenhaftigkeit in allen Bereichen (inklusive der Sexualmoral) hält nur hinterwälderisch, rückständig und unintelligent sein kann. Während die "heutigen" Menschen, die durch ihre "Heutigkeit" den anderen überlegen und vorzuziehen sind, natürlich schon längst über so etwas hinaus sind.

Ein drittes Konzil - wenn es verwirklicht werden könnte - würde wahrscheinlich ein paar denkwürdige Überraschungen für viele bereit halten.

Doch wie sinnvoll wäre überhaupt ein weiteres Konzil? Das letzte hat sichtbar gemacht, auf welche gewaltigen logistischen  und organisatorischen Probleme ein möglichst gleichberechtigter Meinungsaustausch unter über 2000 Beteiligten führen kann. Die Päpste haben sich deshalb in den letzten Jahrzehnten entschieden, Synoden durchzuführen, die die Bischöfe einer bestimmten Region versammeln. Selbst hierbei sind die Vor- und Nacharbeiten enorm, vieles kann nicht so zu Wort kommen, wie mancher es wünschen würde.

Das letzte Konzil liegt nun schon über 40 Jahre zurück. Diejenigen, die sich daran erinnern sind 60 Jahre oder älter. Über 40 Jahre sind Zeit genug, dass Mythen entstehen konnten, über das, was die Konzilsväter damals wollten und in den von ihnen approbierten Dokumenten aussagten. Diese Mythenentstehung fiel um so leichter, da schon im Verlauf des Konzils, sich die Berichterstattung der Presse (nicht alle Publikationen, aber viele) immer weiter von einer objektiven Berichterstattung zu wilden Spekulationen und zum Druckmittel durch das, was "öffentliche Meinung" genannt wurde, entwickelte.

Heute sind wir soweit, dass wir des öfteren pointiert von der "veröffentlichten" Meinung sprechen, da diese Meinung in keiner Weise die wirkliche Meinung einer Bevölkerungsmehrheit präsentiert sondern oft geradezu konträr zu ihr ist.

Die bestehenden Mythen formen etwas, was oft als "Geist des Konzils" bezeichnet wird. Nach Meinung Einzelner, die davon sogar zutiefst überzeugt sind und die diese Mythen zu ihrer Religion gemacht haben, ist der Geist des Konzils, letztendlich den Klerus abzuschaffen (wozu Weihe Verheirateter, Abschaffung des Zölibats und Frauenpriestertum nur Zwischenstationen sien können), um diesen durch einen Rat "informierter Laiern" zu ersetzten. Zu diesem Rat hätten natürlich nicht alle Zutritt, sonst könnten die "Reaktionären", "Erzkonservativen" und "Gestrigen" ja die Lebenswelt der "Heutigen" gefährden und manipulierbare Unwissende auf ihre Seite bringen; die Belehrung der Unwissenden muss aber den "Heutigen" vorbehalten bleiben. Dieser Rat der "Heutigen" würde dann endlich erklären können, dass es schon immer der Wille Gottes gewesen sei, dass jeder das tun und lassen dürfe, was ihm am angenehmsten erscheint. Zwar werde das zunächst auf Widerstände treffen, aber der Rat der "Heutigen" würde die Gesellschaft zum Paradies führen, wo alle glücklich wären und nicht mehr durch moralische Vorstellungen eingeengt werden würden und auch ganz selbstverständlich in Einheit leben würden. Man nehme zum Beispiel das Ideal der "freien Liebe und Sexualität" - upps woher kennen wir diese Utopie nur, dass doch eigentlich jeder gerne jederzeit mit jederm usw.?

Diese ganze Utopie der Diktatur der Heutigen, die in einigen Köpfen festzusitzen scheint, ist nicht einmal etwas Eigenes, sondern nur ein Modell, zu dem man gar nicht erwähnen muss, wo es abgekupfert worden ist. Und genau wie das Original dazu, wird dann noch gerne erklärt, eine solche Lebensweise entspreche der der ersten Christen. Als Beleg nimmt man dann ausgewählte Sätze der Apostelgeschichte - das von Paulus stammende wiedersprechende Material ist dabei natürlich strikt auszulassen, denn das, so postuliert man, sei eine Verfälschung.

Utopien sind Gedankenprodukte. Hätten wir endlich wieder eine konsequente Glaubensverkündigung, sollte es der Wahrheit eigentlich nicht schwerfallen gegen so etwas wieder als Licht in der Finsternis aufzuleuchten.

Sonntag, 2. Januar 2011

Der Rhein fließt in den Tiber - 6: Intrigen und beschleunigtes Ende. - Die vierte Sitzungsperiode (14.9.-8.12.1965)


Die Diskussion zum Schema über die Religionsfreiheit stand an. Seitens der „Internationalen Vätergruppe (CIP)“  wurden nach jeder Veröffentlichung Verbesserungsvorschläge eingereicht. Zusätzlich wurde beschlossen, künftig das wichtigste aus den Interventionen an den Papst zu schicken, damit der Inhalt nicht einfach verloren gehen konnte. Sie mahnten auch an,  dass bisher die Minoritätenmeinungen in den Kommissionen gewöhnlich nicht angehört würden. Als Antwort wurde ihnen beschieden, dass es zu Spaltungen führen könne, wenn sich Gruppen wie die ihre bildeten. Das war überraschend, denn die Statuten für das Konzil ermutigten zur Bildung solcher Gruppen und diese Gruppe war erst in Reaktion auf die mächtige Gruppe unter deutscher Führung entstanden. Zudem waren alle, die reden wollten, aufgrund der 70 erforderlichen Unterschriften für einen Antrag quasi zur Gruppenbildung gezwungen, wenn sie Erfolg haben wollten.
Obwohl die Kardinäle Döpfner und Suenens eine „pressure group“ betrieben, klagten sie gegen eine andere Gruppe, die sich „Bischofssekretariat“ nannte und ähnliches wie deren eigene Gruppe versuchte – allerdings erst in Reaktion auf die Taten der ersteren Gruppe.

Es wurde angekündigt, die vierte Sitzungsperiode solle die letzte sein. Alles sei so weit vorangekommen, dass das unter Einhaltung aller Regeln leicht möglich sei. Tatsächlich wurde den Kardinälen die Hauptredezeit vorbehalten, einfache Bischöfe konnten nur später am Tag sprechen oder kamen gar nicht dazu, weil die Debatte geschlossen wurde, bevor sie eine Möglichkeit erhalten hatten, zu Wort zu kommen.
Das Schema über die Religionsfreiheit wurde zuerst diskutiert. Satzungsgemäß reichte die CIP ein Ersatzschema zum Verlesen ein. Es wurde ignoriert. –Anmerkung: Es mag ja sein, dass eine Beschäftigung damit, die Diskussion sehr verlängert hätte und dass einige diese Vorschläge indiskutabel fanden – ich weiß es nicht -, aber die Vorgangsweise widersprach den Statuten und der ursprünglichen Idee des Konzils, nämlich zu einem echten Konsens zu kommen.
Trotz allem konnte der Text schließlich in der sechsten Revision angenommen werden; nur 70 Konzilsväter hatten ernsthafte Vorbehalte.

Das Schema über die Kirche in der Welt von heute. Eine wirklich kluge Anmerkung aus meiner Sicht zu dem angeschwollenen Text kam von Bischof Mason von El Obeid im Sudan. Er meinte, der Text sei zu lang, um gelesen zu werden und man solle sich auf die derzeitige Generation beschränken, da zukünftige Generationen ihre eigenen Bischöfe haben würden.
Besonders viel Diskussion erforderte der Teil über Ehe und Familie. Einzelne schienen anzuregen, den Gebrauch von Verhütungsmitteln generell als erlaubt zu betrachten, da die Ehe in erster Linie auf der ehelichen Liebe basiere und nicht auf der Offenheit für Kinder. Dem wurde entschlossen widersprochen. Papst Paul VI sorgte persönlich für eine klare Formulierung der strittigen Passagen.
Beim Kapitel zum Dialog mit den Nichtglaubenden wurden einmal wieder der Satzung widersprechend, ein Verbesserungsvorschlag von 450 Konzilsvätern nicht zur Kenntnis genommen. Ein Bischof schrieb einen Protestbrief deswegen und eine offizielle Untersuchung wurde in Gang gesetzt. Es wurde zunächst erklärt, dass die 450 Interventionen „verschwunden“ waren, dann dass sie zu spät eingetroffen seien. Zwei Erzbischöfe erklärten jedoch, diese persönlich und fristgerecht im Generalsekretariat abgeliefert zu haben. Tatsächlich war der Eingang bestätigt worden und in Wirklichkeit waren sie vom Sekretär der Kommission zurückgehalten worden. Dies sei auch bei vielen anderen Interventionen Praxis gewesen. Anscheinend waren Einzelne interessiert gewesen, dass es keine offizielle Verurteilung des Kommunismus geben solle. Wenn auch daraufhin verschiedene Änderungswünsche doch noch berücksichtigt wurden, wurde der Kommunismus letztendlich nicht erwähnt.
Es waren nicht die letzten Querelen und Intrigen, die um die verschiedenen Kapitel des Schemas stattfanden.

Das Schema über die Missionen wurde nach einigen Nachbesserungen angenommen.
Etwas Seltsames geschah beim Dekret über das Hirtenamt der Bischöfe: Den Bischöfen wurde in Abschnitt 2, Nr. 10 alle Machtbefugnis über die Ordensschulen zugestanden. Die Orden protestierten. Das Dekret wurde das entsprechend korrigiert und angenommen. Dennoch enthielt die für den Druck bestimmte Vorlage der daraus resultierenden Instruktion wieder die gestrichenen Passagen.  Das wurde kurz vor Druck entdeckt, und Papst Paul VI ordnete eine Korrektur vor Druck an.

Es war nicht vorgesehen gewesen, auf dem Konzil über den Zölibat zu diskutieren, der noch allen Konzilsvätern selbstverständlich erschien. Auf die Tagesordnung kam er dennoch, weil die Presse sich unaufhörlich in Meldungen und Spekulationen erging, der Zölibat solle abgeschafft werden.
Es wurde eine entsprechende Passage in das Schema über die Priester eingefügt (nachdem ein vorheriger kürzerer Passus der Kürzung zum Opfer gefallen gewesen war).
Während es weiterhin kein Diskussionspunkt war, ob jemand der den Zölibat versprochen habe, heiraten dürfe, kam während der vierten Sitzungsperiode der Vorschlag auf, verheiratete Männer zu weihen. Anlass dafür war, dass im bisherigen Verlauf des Konzils auch das Diakonat für verheiratete Männer ermöglicht worden war. Ein brasilianischer Bischof, aus den Niederlanden stammend, meinte, nur so könne die Kirche in Lateinamerika gerettet werden. (Anmerkung des Bloggers: Das ist jetzt 45 Jahre her; die Kirche in Südamerika ist meines Wissens immer noch nicht vom Aussterben bedroht.)
123 Konzilsväter stellten den Antrag, man möge schreiben, das Konzil „nehme keine Änderung vor“ bezüglich des Zölibats, statt, es „billige und bekräftige“ ihn. Dies sollte es einem künftigen Papst ermöglichen, den Zölibat abzuschaffen. Das wurde von der zuständigen Kommission abgelehnt, da dies kein ausreichender Grund sei. Stattgegeben wurde dem Antrag, nicht nur Symbol und Zeugnis des Zölibats als Grund für sein Vorhandensein zu nennen, sondern auch die Ermöglichung der innigeren Weihe an Christus. So wurde das Dekret mit 2390 zu 4 Stimmen angenommen.

Samstag, 1. Januar 2011

Der Rhein fließt in den Tiber - 5: "Putschversuch" und Tumulte - Die dritte Sitzungsperiode (14.9.-21.11.1964)


Wie schon im vorigen Beitrag angedeutet, allmählich begannen Dinge zu entgleisen. Was sich bei den Konzilsvätern noch in gewissen Grenzen hielt, uferte in den Pressemeldungen völlig aus. Wer verstehen will, was die WsK-Leute bewegt, sollte sich das Folgende zu Gemüte führen; es erklärt so einiges.
Wen die Details langweilen, der kann zum schräg gedruckten Text scrollen (der auf längere Zeit angelegte „Putschversuch“ – P. Schillebeeckx erklärte nach der Sitzungsperiode wahrscheinlich völlig aufrichtig, dass diese extreme Auslegung nie angestrebt worden wäre – hätte er in die Zukunft blicken können, hätte er es besser gewusst) und im Anschluss daran die Aufregungen der letzten Sitzungswoche.


Das siebte Kapitel von „Über die Kirche“ wurde wegen der Dürftigkeit der Formulierungen sehr kritisiert; ein eschatologisches Kapitel in dem die ewigen Dinge (Himmel, Hölle) und der Heilige Geist nicht vorkamen.
Kapitel 8 (Maria) wurde zur Revision zurückverwiesen, das Kapitel wurde verlängert und die Gottesmutter erhielt einige ihrer Titel zurück, zum Bedauern einiger ökumenischer Repräsentanten.
Das Schema über die Religionsfreiheit wurde nach heftiger Diskussion (auch es war mittlerweile sehr vage formuliert) zur Revision gegeben.

Die Erklärung über das Verhältnis zu den Juden, wurde – insbesondere wegen politischer Umstände – ausgeweitet zu der über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen.
Die Konstitution über die Quellen der göttlichen Offenbarung wurde erst nach Intervention des Papstes ohne Einschränkungen angenommen. Zuvor hatten sich die Fronten verhärtet, einige sahen Lehrirrtümer bei Formulierungen, von denen andere nicht abweichen wollten.
Das Schema über das Laienapostolat wurde angenommen.
Das Schema über die Priester wurde zurückverwiesen; gewünschte Änderungen für die Revision waren innerhalb dreier Tage einzureichen.
Das Schema über die Missionen wurde zur Revision zurückverwiesen. Zu Verwunderung führte, dass der Papst gemeint zu haben schien, es könne sofort angenommen werden. Er schien nicht über die zahlreichen Vorbehalte informiert.
Das Dekret über die katholischen Ostkirchen wurde angenommen, die Einschränkungen von 607 Konzilsvätern dabei nicht berücksichtig – hier zeigte sich die Macht, die die Kommissionen in vielen Fällen ausüben konnten, ihre Ansichten durchzusetzen.

Das Schema über die Kirche in der Welt von heute. Zu den 29 Seiten des Schemas wurde ein 57-seitiges Supplement verfasst, das allerdings nicht rechtzeitig zur Verschickung bereit war. Letzteres lag dann zwei Wochen nach Beginn der Sitzungsperiode vor. Obwohl die Abstimmung ergab, dass das Schema für eine weitere Diskussion ausreichend war, wurde das Supplement zur Verwunderung aller fast komplett eingefügt, weil die zuständige Kommission es beschloss.

Das gekürzte Schema über die Orden wurde sehr kontrovers diskutiert. Da beobachtet worden war, dass bei Zurückweisung eines Schemas nach Neubearbeitung eine stark abgeänderte Version in Erscheinung zu treten pflegte, die in erster Linie den Ansichten der deutschsprachigen Gruppe entsprach, strebten andere Gruppen die Annahme mit Einschränkungen an. In den Einschränkungen wurden dieses Mal alle Gesichtspunkte recht gut berücksichtigt. – Interessant auch war, dass erstmals erlaubt wurde, die schriftlich ausgearbeitete Einschränkung erst am Folgetag einzureichen. Wie sich herausstellte, hatte das deutsche Verteilersystem für Vorlagen dieses Mal nicht funktioniert, so dass die darin ausgeteilten Ansichten den Koordinatoren nicht genügend repräsentiert schienen. Oder so vermuteten danach einige.

Das Schema über die Priesterausbildung wurde zur Revision zurückgewiesen und im nächsten Jahr angenommen.

Zu der Abstimmung über die Kollegialität bringe ich hier ein direktes Zitat von P. Wiltgen. Der Papst war gewarnt worden, der Text des Dokuments sei so vage, dass er in extremer Form ausgelegt werden könne – dennoch vertraute er der Theologischen Kommission. Es geschah folgendes:

„Nun machte einer von den extremen Liberalen den Fehler, schriftlich auf einige von diesen zweideutigen Passagen Bezug zu nehmen und anzugeben, wie sie nach dem Konzil interpretiert werden würden. Dieser Text fiel der oben erwähnten Gruppe von Kardinälen und Generaloberen in die Hände, deren Vertreter ihn dem Papst brachten. Papst Paul erkannte endlich, dass er getäuscht worden war, brach zusammen und weinte.
Was dagegen tun? Da der Text des Schemas keine positiv falsche Behauptung enthielt, sondern bloß zweideutige Termini benützte, konnte die Zweideutigkeit geklärt werden durch Anfügung einer sorgfältig gefassten Erklärung an den Text. Dies war der Ursprung der erläuternden Vorbemerkung, die an das Schema angehängt wurde.“

Die „Instanter, instantius, instantissieme“-Petition
Es ging um das Schema über die Religionsfreiheit. Das revidierte Schema wurde am Abstimmungstag vorgelegt, war von 271 auf 556 Zeilen gewachsen, aus dem vorherigen Text stammten nur noch 75 Zeilen, die Argumentation war völlig geändert worden, die Frage anders dargestellt, wichtige Paragraphen völlig neu. Daher verlangte eine größere Gruppe die Vertagung, um den Text richtig durchlesen zu können. Daraufhin wurde obige Petition an den Papst eingereicht, er möge die sofortige Abstimmung anordnen. Als der Text bekannt wurde, brach ein Tumult aus und es vielen sehr unschöne Worte. Der Papst gab der Petition nicht statt, was einige höchst erregte.

Beim Schema über den Ökumenismus waren von 421 Einschränkungen bei der Revision nur 26 berücksichtigt worden. Daraufhin wurden 40 neue Verbesserung vorgelegt und Appelle an den Papst gerichtet, er möge sie unterstützen, weil sonst das Dokument für die Betroffenen nicht akzeptabel sei. Kardinal Bea und seine Mitarbeiter übernahmen 19 davon, die den Inhalt des Schemas nicht zu sehr veränderten. Dies löste große Empörung bei den Liberalen aus. Bei der Abstimmung wurde das Schema dann mit 2054 zu 64 Stimmen gebilligt.

Bei der Abschlussmesse traf der Papst wegen seiner Interventionen deswegen bei einigen auf einen kühlen Empfang. Dieses wich bei der Promulgation etlicher Schemata dem Applaus, um wieder zuzunehmen, als Papst Paul VI Maria feierlich den Titel „Mutter der Kirche“ verlieh. Den Titel, der gerade erst aus dem Schema über die Kirche entfernt worden war; die Befürworter waren begeistert.

Selbst Vertreter der „Liberalen“ waren allerdings entsetzt, als sie erkannten, wie die Presse die obigen Ereignisse aufgegriffen hatte, um über den Papst herzufallen und verlautbarten Klarstellungen.

Der Rhein fließt in den Tiber - 4: Es wird hässlich/Vor der dritten Sitzungsperiode, Anfang 1964



Die Beteiligten sahen zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht, dass sich allmählich Dinge manifestierten, die das Konzil in sich sehr veränderten. Man sah die Sachzwänge: eine echte, ehrliche Diskussion mit so vielen Teilnehmern, hätte wohl noch viele Sitzungsperioden verlangt.  Daher wurden die Redemöglichkeiten stark beschränkt, was aber andererseits einen Meinungsbildungsprozess sehr behinderte. Es wurde leichter, die Diskussion zu manipulieren.
In der Begeisterung über strategische Erfolge und im Glauben, der Kirche damit nützen zu können, wurde gelegentlich vergessen, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt. Andersdenkende wurden diffamiert oder lächerlich gemacht. Widerstand gegen die eigene Meinung wurde als Bedrohung gesehen.

Es begann im Januar 1964. Bischof Hengsbach von Essen schlug in einem Artikel vor, Details zu den Schemata sollten von Kommissionen erarbeitet werden, die natürlich nicht die Autorität des Konzils selbst hätten.
Elf Tage später traf sich die Koordinierungskommission im Vatikan und verfasste Beschlüsse mit Folgen, die die vierjährige Arbeit an einigen Schemata nichtig machten: das Schema über die Ostkirche und über die Priester waren stark zu kürzen. Ebenso das über Studien und Seminare, das über die katholischen Schulen und das über die Orden. Gleiches galt für das Dekret über das Ehesakrament und das über die Missionen. Die gekürzten Schemata sollten nicht mehr im Konzil diskutiert werden, sondern es sollte direkt eine Abstimmung stattfinden.
Dies sollte die Arbeit des Konzils beschleunigen. Interessant ist hier, was die Koordinierungskommission als weniger wichtig erachtete und daher auf diesen Status reduzierte.

Die Verfahrensregeln wurden dahin geändert, dass jeder, der eine Erklärung zurückweisen wollte, siebzig unterstützende Unterschriften benötigte, um den Redeantrag zu stellen (anfangs keine, im Vorjahr fünf). – Dadurch wurde die tatsächlich mögliche Diskussion, die von Papst Johannes XXIII gewünscht worden war, die aber sehr zeitaufwendig war, weitgehend eingeschränkt.
Diskutiert werden sollten das Schema über die Kirche, das über die Bischöfe, das über den Ökumenismus, über die göttliche Offenbarung, über das Laienapostolat und das über die Kirche in der Welt von heute.
Es bildeten sich Oppositionsgruppen von Bischöfen (genötigt durch die Zahl von 70 geforderten Unterschriften), die konservativste, die CIP bekam eine sehr schlechte Rezeption in der Presse – ein bedauerlicher Versuch, die – mittlerweile - Minoritätenmeinung (die zu Beginn des Konzils in vielem Majoritätsmeinung gewesen war) von vorneherein zu disqualifizieren. Auch seitens von Bischöfen kam es zu sehr unsachlichen Bemerkungen betreffs Angehöriger dieser Gruppe, als diese allmählich an Zulauf gewannen. Gerne wurde das Etikett „erzkonservativ“ verliehen.

Es ist hier auch wichtig, zu sehen, welche logistischen Probleme auftraten. Das Konzil fand bis zur vierten Sitzungsperiode ohne Simultanübersetzung, also nur auf Latein, statt, weil viele Vortragende fürchteten, die Übersetzung könne nicht gut genug sein. So aber waren viele des Lateins nicht ausreichend mächtig, um alle Details verstehen zu können.
Auch wurden keine offiziellen Aufzeichnungen der Interventionen erstellt. Diese führte zu einem nicht unerheblichen Mangel an Information unter den Konzilsvätern.

Jahresbeginn 2011: Bombenanschlag auf Kopten in Alexandria

Das heutige Hochfest der Gottesmutter Maria hätte ich gerne mit anderem Gedenken eröffnet, aber das hier ist leider geschehen:

Unter diesem Link wird darüber berichtet, hier auch bei kath.net. Zwanzig Minuten nach Mitternacht wurden zwei Autos vor der Kirche in die Luft gesprengt. Dort fand gerade ein Gedenkgottesdienst statt - für die Toten des Anschlags an Weihnachten (bei den Kopten der Dreikönigstag) 2010. Es waren soviele Menschen anwesende, dass sie auch auf dem Platz vor der Kirche den Gottesdienst mitverfolgten.

In zumindest schon einer Nachrichtensendung im Fernsehen wurde fälschlich berichtet, es habe sich um eine christliche Weihnachtsfeier gehandelt, und die Kopten hätten auch die Polizei angegriffen. Nicht erwähnt wurde, dass in unmittelbarer Nähe der Kirche eine Moschee steht, in der oft extremistische Ansprachen gehalten werden. Gestern war Freitag, der Tag, an dem sich die Muslime zum Gottesdienst zusammenfinden. Gottesdienst heißt immer auch einen Schwerpunkt auf einer Predigt. (Im Vergleich: Bei den Kopten ist der Schwerpunkt eine ausführliche und feierliche Liturgie, in diesem Falle aus Gedenkmesse für die Toten. Predigten sind eher sekundär.)

Über die Lage in Ägypten ist andernorts mehr zu finden, u.a. ein Artikel in der Beilage der DT zum Jahresende. Das ist traurig genug.

Dass aber im angeblichen Bemühen um Ausgewogenheit, die Opfer beschuldigt werden, selbst Täter zu sein, ist ein Skandal, der hier in Deutschland geschieht. Selbst wenn es stimmen sollte, dass im Schock die Überfallenen befürchteten, dass die Polizei - nicht zum ersten Mal - sich den Angreifern anschließe - warum muss das so betont berichtet werden, dass Fernsehzuschauer nach dem Bericht aufstehen und meinen, die Gewalt sei gegenseitig.

Wenn sich in Deutschland ein Protestierender ein Duell mit der Polizei liefert, die Polizisten beschimpft und zu verletzen versucht und diese zu Abwehrmaßnahmen greifen, werden die Polizisten kritisiert. Wenn die Kopten in Ägypten unbewaffnet, unschuldige Opfer betrauernd von einem Terroranschlag, bei dem es wieder Tote gibt, nicht mehr nur resigniert friedlich reagieren, dann sind sie aber irgendwie selbst schuld.

Das ist doch jenseits aller Relation!