Oremus pro Pontifice nostro Franzisco.

Dominus conservet eum et vivificet eum

et beatum faciat eum in terra et

non tradat eum in animam inimicorum eius.

Dienstag, 3. Mai 2016

Worte wie Felsblöcke ....

Ich habe es geschafft. Das nachsynodale Schreiben ist durchgelesen. Ich bin ja kein Theologe, der das als Teil der bezahlten Arbeitszeit deklarieren kann, sondern muss es irgendwie in Arbeit, familiäre Verpflichtungen und gesteigerten Erholungsbedarf wegen meines Medikamentes (10 Stunden Schlaf Minimumm, davon eine nachmittags) einpassen, und es ist ja nicht gerade leichte Unterhaltung sondern ich wollte beim Lesen denkfähig sein.

Wie war es doch? Da sitzt jemand auf dem Stuhl Petri und wirft Wortmassen wie ein ganzer Felsensturz auf das Leben eines gewöhnlichen Laien, der sich irgendwie durch die Fels- und Erdmassen graben muss, um selbst einen Überblick zu bekommen zwischen sich widersprechenden Pressemeldungen und interpretierenden Äußerungen von Bischöfen und Theologen, die diametral von einander abweichen, in allgemeinem Chaos und zunehmender Verwirrung?

Ach, hab ich da jetzt aus Kapitel 8 falsch zitiert?

Nein, es hilft auch nicht, dass auf dem ganzen überall groß und dick und wiederholt "Barmherzigkeit - dies hier ist Barmherzigkeit - und zwar die einzig gültige Version davon!! Niemand sonst versteht, was Barmherzigkeit ist!" steht. Oder um das an anderer Stelle zu paraphrasieren: "Kleriker haben ja alle keine Ahnung von der normalen Lebenswelt der Menschen. Außer mir. Ich bin zwar auch Kleriker, sogar der Chef aller katholischen Kleriker, der absolut nichtklerikale Oberkleriker sozusagen, aber auf mich trifft das nicht zu. ICH weiß, wie ein normaler Katholik sich durchschlagen muss. ICH bin immer verständnisvoll und barmherzig außer es geht um Katholiken, die einwenden: "Aber Jesus hat doch gesagt, ..." Die leiden alle an unbarmherziger Moralhörigkeit. und denen muss man gehörig Bescheid sagen, dass sie so etwas mal schön bleiben lassen sollen."

Ich bin wirklich kein Kleriker Ich lebe nicht in der geschützten Welt moralphilosophischer Diskussionen über recht und unrecht. Ich lebe inmitten einer Welt, der Christus nicht oder nicht besonders wichtig ist. Ich habe jede Menge Bekannte und Freunde, die in "irregulären Situationen", ach Quatsch, die in inzwischen völlig als regulär betrachtet und akzeptierten Verhältnissen leben, die ganz objektiv in sich sündhaft (wenn auch gesellschaftlich salonfähig) sind, sündhaft in dem Sinne, dass ein Festhalten an diesem Status Quo und ein vermeintlich barmherziges Umarmen derselben den Keil zwischen ihnen und Jesus immer weiter treiben wird (Sünde = sondern, sich von Gott entfernen). Das sind Leute, die ich mag und die in vielem gesunde und in sich gute Ansichten haben, Leute, die ich persönlich sehr schätze und die mir so wertvoll sind, dass ich sie nicht belügen werde, und ihnen versichere, etwas sei in bester Ordnung, was ihre Beziehung zu Gott gefährdet oder tötet. Oft kennen sie ihr Problem und sind sich klar darüber, dass es ein Problem ist. Und genau dieses Wissen verhindert, dass die unter Umständen schwere Sünde tatsächlich zur ewig tödlichen Sünde wird, was sich einfach ausdrücken lässt mit: "Ich weiß, was ich tue, ist nicht, was objektiv gut und von Gott gewollt ist. Aber ich bin nicht stark genug, es besser zu machen und versuche das, was schuldhaft ist, in der Lage gering zu halten und hoffe für den Rest auf Vergebung." Genau das ist die Haltung, die die Möglichkeit zur Läuterung (-> purgatio) offen hält und ein Wachstum in Christus hinein ermöglicht.

Mir fiel in diesem nachsynodalen Schreiben auf, dass die sogenannte "Barmherzigkeit", die dort postuliert wird, die aber in einigen Aspekten eine wohlmeinende Lüge zu sein scheint, stets als Alternative zu Moralismus genannt wird. Nun ist ja Moral keine schlechte Sache und es ist wohl so, dass vieles von dem, was die Nachfolge Christi verlangt, auch moralisch gewöhnlich gut geheißen wird (je nach der dominierenden Moral, es gibt Moralethiken, die chrisltiches Denken verurteilen). Aber Moral ist für uns als Christen letztendlich sekundär, wenn nicht noch von geringerem Range. Unser Maßstab ist eine Person, nämlich Jesus Christus. Und das Maßnehmen an Jesus Christus vermisse ich in dem Dokument sehr. Gewiss, er wird gelegentlich erwähnt. Aber, dass sein Leben und Sterben der gelebte Verzicht darauf war, eigenes Wollen und Wünschen durchzusetzen und ein Aufgehen darin, ganz den Willen des Vaters zu erfüllen, das wird nicht erwähnt. Dass es für jeden letztendlich nötig ist, sein Kreuz auf sich nehmen, dem eigenen Wollen und Wünschen zu sterben und sich hinzugeben für das, was Gott will - das fehlt. Und oft - nicht immer - oft, fehlt gerade das bei den "irregulären Situatione", die doch inzwischen völlig die Regel sind. Hier mangelt es oft an dem Willen zu sagen: "Ich habe - auch aufgrund meiner eigenen Entscheidungen - hier ein Kreuz zu tragen und ich nehme es an, auch wenn es weh tut." Stattdessen heißt es: "Gib mir das Schmerzmittel der Pseudo-Barmherzigkeit, damit ich nicht mehr fühle, dass da ein Kreuz auf mir lastet. Gesundwerden ist nicht wichtig, Schmerzvermeidung ist alles."

Insbesondere jedoch vermisse ich in dem Dokument klare Worte über das Versagen der Kirche gerade in den europäiichen und amerikanischen Ländern, das Evangelium wirklich zu verkündigen. Die oft fast ganz fehlende und äußerst mangelhafte Katechese die dazu führt, dass inzwischen ganze Generationen von Getauften aufgewachsen sind, für die die Religion eines von vielen Vehikeln zum Wohlfühlen darstellt, die weder ernsthaft an ein ewiges Leben und die Auferstehung glauben, für die Jesus ein netter Mensch ist, der vor 2000 Jahren gelebt hat und der wollte, dass alle sich einfach gut fühlen können und nicht mit der Anforderung, an sich arbeiten zu müssen, behelligt werden. Voller Kinder, die nach der Erstkommunion möglicherweise wieder zu ihrer Firmung und noch unwahrscheinlicher zu ihrer Eheschließung in einer Kirche auftauchen, weil sie gerne dieses dekorative Element und die Zusicherung eines Segens, dass sie alles genau richtig machen, hätten. Länder, in denen die Teilnahme an der Eucharistie so irrelevant geworden ist, dass die Teilnahme daran zum Teil unter 10 Prozent gesunken ist. Mit Menschen, die nur einmal im Jahr - aus diversen Gründen - an einer Messe teilnehmen möchten und dann natürlich unbedingt auch dieses Brotstück abbekommen wollen, weil das doch alle bekommen, weil sie ja schließlich dafür Kirchensteuer zahlen und das ihr gutes Recht ist und da es ja irgendwie ein geistliches Stärkungsmittel sein soll, das man gerne mitnimmt, aber bitte ohne Hinweis, dass man damit angeblich erklärt, wie Christus sein Leben ganz in den Dienst das Reich Gottes zu stellen und eigene Wünsche zurückzustellen.

Ich vermisse da ein Schuldbekenntnis des verantwortlichen Oberklerikers und einen Appell, die Katechese mit allen Mitteln neu zu überdenken und diese üblen Zustände zu beheben.

So wie es ist, werden alle nicht nur weiterhin allein damit gelassen, herauszufinden, was überhaupt denn christliches Leben ausmacht, sondern es wird noch zusätzlich Verwirrung und Orientierungslosigkeit erzeugt. Menschen wissen nicht mehr, an was sie sich noch orientieren sollten und verlieren dadurch die Hoffnung oder das, was ihnen bisher die Kraft gab, an sich zu arbeiten.

Da nützt es auch nicht, dass im gleichen Dokument ein paar recht hübsche - aber nicht neue und in entsprechender Literatur besser und exakter ausgeführte - Überlegungen zur christlichen Liebe stehen. Wobei die Caritas nur verengt auf die eheliche Liebe betrachtet wird. Und ich habe den Verdacht, dass Augustinus das von ihm verwendete und sehr spezifisch angewandte Zitat mit einem seiner längeren Briefe beantworten würde, in denen er klar stellen würde, was er damit ausdrücken wollte und was nicht. Er war in dieser Hinsicht nämlich sehr exakt und präzise.


5 Kommentare:

  1. Ihre Bemerkung "Und das Maßnehmen an Jesus Christus vermisse ich ..." möchte ich durch folgenden Hinweis ergänzen:
    In Nr. 38 schreibt der Papst: "Viele haben nicht das Gefühl, dass die Botschaft der Kirche über Ehe und Familie immer ein deutlicher Abglanz der Predigt und des Verhaltens Jesu gewesen ist, der zwar ein anspruchsvolles Ideal vorgeschlagen, zugleich aber niemals die mitfühlende Nähe zu den Schwachen wie der Samariterin und der Ehebrecherin verloren hat."

    Hier wird meiner Meinung nach die Hl. Schrift zu einer Manipulation missbraucht. Durch die Formulierung „zwar ein anspruchsvolles Ideal vorgeschlagen, aber …“ soll der Eindruck erweckt werden, dass es dem Herrn mit dem Ideal nicht so ernst ist, schließlich handelt es sich nur um einen Vorschlag und der ist seinem Wesen nach unverbindlich. Das anschließende „aber“ verstärkt dieses Verständnis noch, zumal gegenüber der Ehebrecherin nur eine mitfühlende Nähe konstatiert wird, nicht aber die Aufforderung, künftig nicht mehr zu sündigen. Mir ist auch keine Bibelausgabe bekannt, in der das Gebot Jesu: „Was der Mensch verbunden hat …“ als unverbindlicher Vorschlag dargestellt wird. Man könnte ja die Hl. Schrift im Sinne von Papst Franziskus in „Buch der Vorschläge“ umbenennen.

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  2. Das Gleiche trifft ja anscheinend auch auf die Zitate von Thomas von Aquin und Augustinus zu, die aus einem völlig anderen Bezug kommend auf eine fremde Gegebenheit angewendet werden.

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    1. Wissen Sie, wo man darüber Genaueres erfahren kann?

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  3. Ich selbst habe mich nie näher mit Thomas von Aquin beschäftigt. Robert Spaemann nimmt Bezug darauf: http://de.catholicnewsagency.com/story/exklusiv-ein-bruch-mit-der-lehrtradition-robert-spaemann-uber-amoris-laetitia-0730

    Was das Augustinuszitat aus catechizandis rudibus (22) angeht, so sagt dieser, wenn uns etwas zur Sünde drängen will, sollten wir eilen, es auszulöschen. Ein gutes Mittel sei, Almosen zu geben und Werke der Barmherzigkeit zu tun. - Das wird auch richtig zitiert. Nur steht es in einem Kontext, der den Eindruck erwecken kann, als solle man den Sündigen mit Barmherzigkeit (Akzeptanz?) begegnen um so die Sünde auszulöschen. Das wäre ein vollkommenes Missverständnis. Statt sich der eigenen Neigung zur Sünde zu widersetzen, indem man auf die Versuchung hin bewusst Nächstenliebe übt, um die Versuchung zu ersticken oder ein Versagen in dieser widergutzumachen, wird der Eindruck vermittelt man solle die Sünde barmherzig umarmen, um sie dadurch auszulöschen.
    Wie gesagt, das steht nicht in Amoris laetitia aber durch die Absätze davor und danach kann man einen völlig falschen Eindruck bekommen, was gemeint ist, denn davor und danach wird "pastorale Barmherzigkeit" gefordert. Dazwischen dieses Zitat, das dem reuigen Sünder oder Versuchten den Weg der tätigen Nächstenliebe empfiehlt zur Tilgung der eigenen Sünde.
    Meine Quelle für Augustinus ist hier: http://www.newadvent.org/fathers/1303.htm
    Auf Deutsch habe ich nichts.

    Hilfreich zum ganzen Dokument finde ich die Stellungnahme von Kardinal Burke hier: http://www.katholisches.info/2016/04/13/vollstaendige-stellungnahme-von-kardinal-raymond-burke-zu-amoris-laetitia/

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  4. Es läuft doch letztendlich auf die Gretchenfrage hinaus:
    Ist ein strenger Hirte denn unbarmherzig?

    Wer ist also barmherzig?
    Der Hirte, der die Liebe GOttes zu den Menschen so dermaßen invokiert, daß sie keinerlei Notwendigkeit zu Reue und Umkehr mehr verspüren, oder jener, der durch beständiges Vorhalten der Lehre der Kirche zur Reue und Umkehr ermuntert und die Menschen zu Christus führt?

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