Oremus pro Pontifice nostro Franzisco.

Dominus conservet eum et vivificet eum

et beatum faciat eum in terra et

non tradat eum in animam inimicorum eius.

Posts mit dem Label Konzil Rhein Tiber werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Konzil Rhein Tiber werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 3. Januar 2011

Die Forderung nach dem dritten Vaticanum

Diese Forderung wird gelegentlich erhoben. Meist ist sie mit dem Anspruch verknüpft, auf dem geforderten Konzil, werde dann selbstverständlich allen Forderungen nachgegeben, die schon seit den ersten Sitzungsperioden des zweiten Vaticanums durch die Presse und durch die Köpfe einiger Leute geistern.

Ein Blick auf den Ablauf des zweiten Vaticanums sollte eigentlich schon eines besseren belehren. Möglicherweise sollte es auch zu denken geben, dass im vergangenen Jahr ein Rat zur "Neuevangelisierung des Westens" gegründet wurde. Nicht Afrikas oder Asiens, sondern des Westens. Wenn das keine Aussage ist.

Es mag auch sein, dass diejenigen, die so laut ein nächstes Konzil fordern, noch in der Illusion schweben, dass die zum Teil doch recht manipulativien Techniken und Verfahren, die von Einzelnen während des vorigen Konzils erprobt wurden, noch immer oder noch besser greifen würden. Es mag auch sein, dass viele einem der Vorurteile über die anderen Kontinente huldigen, die da z.B. sind: Die kirchlichen Regelungen werden dort ohnehin überall missachtet und in Afrika lebe sowieso fast niemand den Zölibat. in Südamerika sei es nicht viel besser. Ich finde das immer äußerst beleidigend, denn hier wird einfach pauschal zig Millionen Christen unterstellt, dass ihnen die meisten Grundmaximen ihres Glaubens ziemlich egal sind.

Vielleicht geht es hier auch um das Vorurteil, dass wer auch immer sich noch an die christlichen Überzeugungen in Sachen Ehrenhaftigkeit in allen Bereichen (inklusive der Sexualmoral) hält nur hinterwälderisch, rückständig und unintelligent sein kann. Während die "heutigen" Menschen, die durch ihre "Heutigkeit" den anderen überlegen und vorzuziehen sind, natürlich schon längst über so etwas hinaus sind.

Ein drittes Konzil - wenn es verwirklicht werden könnte - würde wahrscheinlich ein paar denkwürdige Überraschungen für viele bereit halten.

Doch wie sinnvoll wäre überhaupt ein weiteres Konzil? Das letzte hat sichtbar gemacht, auf welche gewaltigen logistischen  und organisatorischen Probleme ein möglichst gleichberechtigter Meinungsaustausch unter über 2000 Beteiligten führen kann. Die Päpste haben sich deshalb in den letzten Jahrzehnten entschieden, Synoden durchzuführen, die die Bischöfe einer bestimmten Region versammeln. Selbst hierbei sind die Vor- und Nacharbeiten enorm, vieles kann nicht so zu Wort kommen, wie mancher es wünschen würde.

Das letzte Konzil liegt nun schon über 40 Jahre zurück. Diejenigen, die sich daran erinnern sind 60 Jahre oder älter. Über 40 Jahre sind Zeit genug, dass Mythen entstehen konnten, über das, was die Konzilsväter damals wollten und in den von ihnen approbierten Dokumenten aussagten. Diese Mythenentstehung fiel um so leichter, da schon im Verlauf des Konzils, sich die Berichterstattung der Presse (nicht alle Publikationen, aber viele) immer weiter von einer objektiven Berichterstattung zu wilden Spekulationen und zum Druckmittel durch das, was "öffentliche Meinung" genannt wurde, entwickelte.

Heute sind wir soweit, dass wir des öfteren pointiert von der "veröffentlichten" Meinung sprechen, da diese Meinung in keiner Weise die wirkliche Meinung einer Bevölkerungsmehrheit präsentiert sondern oft geradezu konträr zu ihr ist.

Die bestehenden Mythen formen etwas, was oft als "Geist des Konzils" bezeichnet wird. Nach Meinung Einzelner, die davon sogar zutiefst überzeugt sind und die diese Mythen zu ihrer Religion gemacht haben, ist der Geist des Konzils, letztendlich den Klerus abzuschaffen (wozu Weihe Verheirateter, Abschaffung des Zölibats und Frauenpriestertum nur Zwischenstationen sien können), um diesen durch einen Rat "informierter Laiern" zu ersetzten. Zu diesem Rat hätten natürlich nicht alle Zutritt, sonst könnten die "Reaktionären", "Erzkonservativen" und "Gestrigen" ja die Lebenswelt der "Heutigen" gefährden und manipulierbare Unwissende auf ihre Seite bringen; die Belehrung der Unwissenden muss aber den "Heutigen" vorbehalten bleiben. Dieser Rat der "Heutigen" würde dann endlich erklären können, dass es schon immer der Wille Gottes gewesen sei, dass jeder das tun und lassen dürfe, was ihm am angenehmsten erscheint. Zwar werde das zunächst auf Widerstände treffen, aber der Rat der "Heutigen" würde die Gesellschaft zum Paradies führen, wo alle glücklich wären und nicht mehr durch moralische Vorstellungen eingeengt werden würden und auch ganz selbstverständlich in Einheit leben würden. Man nehme zum Beispiel das Ideal der "freien Liebe und Sexualität" - upps woher kennen wir diese Utopie nur, dass doch eigentlich jeder gerne jederzeit mit jederm usw.?

Diese ganze Utopie der Diktatur der Heutigen, die in einigen Köpfen festzusitzen scheint, ist nicht einmal etwas Eigenes, sondern nur ein Modell, zu dem man gar nicht erwähnen muss, wo es abgekupfert worden ist. Und genau wie das Original dazu, wird dann noch gerne erklärt, eine solche Lebensweise entspreche der der ersten Christen. Als Beleg nimmt man dann ausgewählte Sätze der Apostelgeschichte - das von Paulus stammende wiedersprechende Material ist dabei natürlich strikt auszulassen, denn das, so postuliert man, sei eine Verfälschung.

Utopien sind Gedankenprodukte. Hätten wir endlich wieder eine konsequente Glaubensverkündigung, sollte es der Wahrheit eigentlich nicht schwerfallen gegen so etwas wieder als Licht in der Finsternis aufzuleuchten.

Sonntag, 2. Januar 2011

Der Rhein fließt in den Tiber - 6: Intrigen und beschleunigtes Ende. - Die vierte Sitzungsperiode (14.9.-8.12.1965)


Die Diskussion zum Schema über die Religionsfreiheit stand an. Seitens der „Internationalen Vätergruppe (CIP)“  wurden nach jeder Veröffentlichung Verbesserungsvorschläge eingereicht. Zusätzlich wurde beschlossen, künftig das wichtigste aus den Interventionen an den Papst zu schicken, damit der Inhalt nicht einfach verloren gehen konnte. Sie mahnten auch an,  dass bisher die Minoritätenmeinungen in den Kommissionen gewöhnlich nicht angehört würden. Als Antwort wurde ihnen beschieden, dass es zu Spaltungen führen könne, wenn sich Gruppen wie die ihre bildeten. Das war überraschend, denn die Statuten für das Konzil ermutigten zur Bildung solcher Gruppen und diese Gruppe war erst in Reaktion auf die mächtige Gruppe unter deutscher Führung entstanden. Zudem waren alle, die reden wollten, aufgrund der 70 erforderlichen Unterschriften für einen Antrag quasi zur Gruppenbildung gezwungen, wenn sie Erfolg haben wollten.
Obwohl die Kardinäle Döpfner und Suenens eine „pressure group“ betrieben, klagten sie gegen eine andere Gruppe, die sich „Bischofssekretariat“ nannte und ähnliches wie deren eigene Gruppe versuchte – allerdings erst in Reaktion auf die Taten der ersteren Gruppe.

Es wurde angekündigt, die vierte Sitzungsperiode solle die letzte sein. Alles sei so weit vorangekommen, dass das unter Einhaltung aller Regeln leicht möglich sei. Tatsächlich wurde den Kardinälen die Hauptredezeit vorbehalten, einfache Bischöfe konnten nur später am Tag sprechen oder kamen gar nicht dazu, weil die Debatte geschlossen wurde, bevor sie eine Möglichkeit erhalten hatten, zu Wort zu kommen.
Das Schema über die Religionsfreiheit wurde zuerst diskutiert. Satzungsgemäß reichte die CIP ein Ersatzschema zum Verlesen ein. Es wurde ignoriert. –Anmerkung: Es mag ja sein, dass eine Beschäftigung damit, die Diskussion sehr verlängert hätte und dass einige diese Vorschläge indiskutabel fanden – ich weiß es nicht -, aber die Vorgangsweise widersprach den Statuten und der ursprünglichen Idee des Konzils, nämlich zu einem echten Konsens zu kommen.
Trotz allem konnte der Text schließlich in der sechsten Revision angenommen werden; nur 70 Konzilsväter hatten ernsthafte Vorbehalte.

Das Schema über die Kirche in der Welt von heute. Eine wirklich kluge Anmerkung aus meiner Sicht zu dem angeschwollenen Text kam von Bischof Mason von El Obeid im Sudan. Er meinte, der Text sei zu lang, um gelesen zu werden und man solle sich auf die derzeitige Generation beschränken, da zukünftige Generationen ihre eigenen Bischöfe haben würden.
Besonders viel Diskussion erforderte der Teil über Ehe und Familie. Einzelne schienen anzuregen, den Gebrauch von Verhütungsmitteln generell als erlaubt zu betrachten, da die Ehe in erster Linie auf der ehelichen Liebe basiere und nicht auf der Offenheit für Kinder. Dem wurde entschlossen widersprochen. Papst Paul VI sorgte persönlich für eine klare Formulierung der strittigen Passagen.
Beim Kapitel zum Dialog mit den Nichtglaubenden wurden einmal wieder der Satzung widersprechend, ein Verbesserungsvorschlag von 450 Konzilsvätern nicht zur Kenntnis genommen. Ein Bischof schrieb einen Protestbrief deswegen und eine offizielle Untersuchung wurde in Gang gesetzt. Es wurde zunächst erklärt, dass die 450 Interventionen „verschwunden“ waren, dann dass sie zu spät eingetroffen seien. Zwei Erzbischöfe erklärten jedoch, diese persönlich und fristgerecht im Generalsekretariat abgeliefert zu haben. Tatsächlich war der Eingang bestätigt worden und in Wirklichkeit waren sie vom Sekretär der Kommission zurückgehalten worden. Dies sei auch bei vielen anderen Interventionen Praxis gewesen. Anscheinend waren Einzelne interessiert gewesen, dass es keine offizielle Verurteilung des Kommunismus geben solle. Wenn auch daraufhin verschiedene Änderungswünsche doch noch berücksichtigt wurden, wurde der Kommunismus letztendlich nicht erwähnt.
Es waren nicht die letzten Querelen und Intrigen, die um die verschiedenen Kapitel des Schemas stattfanden.

Das Schema über die Missionen wurde nach einigen Nachbesserungen angenommen.
Etwas Seltsames geschah beim Dekret über das Hirtenamt der Bischöfe: Den Bischöfen wurde in Abschnitt 2, Nr. 10 alle Machtbefugnis über die Ordensschulen zugestanden. Die Orden protestierten. Das Dekret wurde das entsprechend korrigiert und angenommen. Dennoch enthielt die für den Druck bestimmte Vorlage der daraus resultierenden Instruktion wieder die gestrichenen Passagen.  Das wurde kurz vor Druck entdeckt, und Papst Paul VI ordnete eine Korrektur vor Druck an.

Es war nicht vorgesehen gewesen, auf dem Konzil über den Zölibat zu diskutieren, der noch allen Konzilsvätern selbstverständlich erschien. Auf die Tagesordnung kam er dennoch, weil die Presse sich unaufhörlich in Meldungen und Spekulationen erging, der Zölibat solle abgeschafft werden.
Es wurde eine entsprechende Passage in das Schema über die Priester eingefügt (nachdem ein vorheriger kürzerer Passus der Kürzung zum Opfer gefallen gewesen war).
Während es weiterhin kein Diskussionspunkt war, ob jemand der den Zölibat versprochen habe, heiraten dürfe, kam während der vierten Sitzungsperiode der Vorschlag auf, verheiratete Männer zu weihen. Anlass dafür war, dass im bisherigen Verlauf des Konzils auch das Diakonat für verheiratete Männer ermöglicht worden war. Ein brasilianischer Bischof, aus den Niederlanden stammend, meinte, nur so könne die Kirche in Lateinamerika gerettet werden. (Anmerkung des Bloggers: Das ist jetzt 45 Jahre her; die Kirche in Südamerika ist meines Wissens immer noch nicht vom Aussterben bedroht.)
123 Konzilsväter stellten den Antrag, man möge schreiben, das Konzil „nehme keine Änderung vor“ bezüglich des Zölibats, statt, es „billige und bekräftige“ ihn. Dies sollte es einem künftigen Papst ermöglichen, den Zölibat abzuschaffen. Das wurde von der zuständigen Kommission abgelehnt, da dies kein ausreichender Grund sei. Stattgegeben wurde dem Antrag, nicht nur Symbol und Zeugnis des Zölibats als Grund für sein Vorhandensein zu nennen, sondern auch die Ermöglichung der innigeren Weihe an Christus. So wurde das Dekret mit 2390 zu 4 Stimmen angenommen.

Samstag, 1. Januar 2011

Der Rhein fließt in den Tiber - 5: "Putschversuch" und Tumulte - Die dritte Sitzungsperiode (14.9.-21.11.1964)


Wie schon im vorigen Beitrag angedeutet, allmählich begannen Dinge zu entgleisen. Was sich bei den Konzilsvätern noch in gewissen Grenzen hielt, uferte in den Pressemeldungen völlig aus. Wer verstehen will, was die WsK-Leute bewegt, sollte sich das Folgende zu Gemüte führen; es erklärt so einiges.
Wen die Details langweilen, der kann zum schräg gedruckten Text scrollen (der auf längere Zeit angelegte „Putschversuch“ – P. Schillebeeckx erklärte nach der Sitzungsperiode wahrscheinlich völlig aufrichtig, dass diese extreme Auslegung nie angestrebt worden wäre – hätte er in die Zukunft blicken können, hätte er es besser gewusst) und im Anschluss daran die Aufregungen der letzten Sitzungswoche.


Das siebte Kapitel von „Über die Kirche“ wurde wegen der Dürftigkeit der Formulierungen sehr kritisiert; ein eschatologisches Kapitel in dem die ewigen Dinge (Himmel, Hölle) und der Heilige Geist nicht vorkamen.
Kapitel 8 (Maria) wurde zur Revision zurückverwiesen, das Kapitel wurde verlängert und die Gottesmutter erhielt einige ihrer Titel zurück, zum Bedauern einiger ökumenischer Repräsentanten.
Das Schema über die Religionsfreiheit wurde nach heftiger Diskussion (auch es war mittlerweile sehr vage formuliert) zur Revision gegeben.

Die Erklärung über das Verhältnis zu den Juden, wurde – insbesondere wegen politischer Umstände – ausgeweitet zu der über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen.
Die Konstitution über die Quellen der göttlichen Offenbarung wurde erst nach Intervention des Papstes ohne Einschränkungen angenommen. Zuvor hatten sich die Fronten verhärtet, einige sahen Lehrirrtümer bei Formulierungen, von denen andere nicht abweichen wollten.
Das Schema über das Laienapostolat wurde angenommen.
Das Schema über die Priester wurde zurückverwiesen; gewünschte Änderungen für die Revision waren innerhalb dreier Tage einzureichen.
Das Schema über die Missionen wurde zur Revision zurückverwiesen. Zu Verwunderung führte, dass der Papst gemeint zu haben schien, es könne sofort angenommen werden. Er schien nicht über die zahlreichen Vorbehalte informiert.
Das Dekret über die katholischen Ostkirchen wurde angenommen, die Einschränkungen von 607 Konzilsvätern dabei nicht berücksichtig – hier zeigte sich die Macht, die die Kommissionen in vielen Fällen ausüben konnten, ihre Ansichten durchzusetzen.

Das Schema über die Kirche in der Welt von heute. Zu den 29 Seiten des Schemas wurde ein 57-seitiges Supplement verfasst, das allerdings nicht rechtzeitig zur Verschickung bereit war. Letzteres lag dann zwei Wochen nach Beginn der Sitzungsperiode vor. Obwohl die Abstimmung ergab, dass das Schema für eine weitere Diskussion ausreichend war, wurde das Supplement zur Verwunderung aller fast komplett eingefügt, weil die zuständige Kommission es beschloss.

Das gekürzte Schema über die Orden wurde sehr kontrovers diskutiert. Da beobachtet worden war, dass bei Zurückweisung eines Schemas nach Neubearbeitung eine stark abgeänderte Version in Erscheinung zu treten pflegte, die in erster Linie den Ansichten der deutschsprachigen Gruppe entsprach, strebten andere Gruppen die Annahme mit Einschränkungen an. In den Einschränkungen wurden dieses Mal alle Gesichtspunkte recht gut berücksichtigt. – Interessant auch war, dass erstmals erlaubt wurde, die schriftlich ausgearbeitete Einschränkung erst am Folgetag einzureichen. Wie sich herausstellte, hatte das deutsche Verteilersystem für Vorlagen dieses Mal nicht funktioniert, so dass die darin ausgeteilten Ansichten den Koordinatoren nicht genügend repräsentiert schienen. Oder so vermuteten danach einige.

Das Schema über die Priesterausbildung wurde zur Revision zurückgewiesen und im nächsten Jahr angenommen.

Zu der Abstimmung über die Kollegialität bringe ich hier ein direktes Zitat von P. Wiltgen. Der Papst war gewarnt worden, der Text des Dokuments sei so vage, dass er in extremer Form ausgelegt werden könne – dennoch vertraute er der Theologischen Kommission. Es geschah folgendes:

„Nun machte einer von den extremen Liberalen den Fehler, schriftlich auf einige von diesen zweideutigen Passagen Bezug zu nehmen und anzugeben, wie sie nach dem Konzil interpretiert werden würden. Dieser Text fiel der oben erwähnten Gruppe von Kardinälen und Generaloberen in die Hände, deren Vertreter ihn dem Papst brachten. Papst Paul erkannte endlich, dass er getäuscht worden war, brach zusammen und weinte.
Was dagegen tun? Da der Text des Schemas keine positiv falsche Behauptung enthielt, sondern bloß zweideutige Termini benützte, konnte die Zweideutigkeit geklärt werden durch Anfügung einer sorgfältig gefassten Erklärung an den Text. Dies war der Ursprung der erläuternden Vorbemerkung, die an das Schema angehängt wurde.“

Die „Instanter, instantius, instantissieme“-Petition
Es ging um das Schema über die Religionsfreiheit. Das revidierte Schema wurde am Abstimmungstag vorgelegt, war von 271 auf 556 Zeilen gewachsen, aus dem vorherigen Text stammten nur noch 75 Zeilen, die Argumentation war völlig geändert worden, die Frage anders dargestellt, wichtige Paragraphen völlig neu. Daher verlangte eine größere Gruppe die Vertagung, um den Text richtig durchlesen zu können. Daraufhin wurde obige Petition an den Papst eingereicht, er möge die sofortige Abstimmung anordnen. Als der Text bekannt wurde, brach ein Tumult aus und es vielen sehr unschöne Worte. Der Papst gab der Petition nicht statt, was einige höchst erregte.

Beim Schema über den Ökumenismus waren von 421 Einschränkungen bei der Revision nur 26 berücksichtigt worden. Daraufhin wurden 40 neue Verbesserung vorgelegt und Appelle an den Papst gerichtet, er möge sie unterstützen, weil sonst das Dokument für die Betroffenen nicht akzeptabel sei. Kardinal Bea und seine Mitarbeiter übernahmen 19 davon, die den Inhalt des Schemas nicht zu sehr veränderten. Dies löste große Empörung bei den Liberalen aus. Bei der Abstimmung wurde das Schema dann mit 2054 zu 64 Stimmen gebilligt.

Bei der Abschlussmesse traf der Papst wegen seiner Interventionen deswegen bei einigen auf einen kühlen Empfang. Dieses wich bei der Promulgation etlicher Schemata dem Applaus, um wieder zuzunehmen, als Papst Paul VI Maria feierlich den Titel „Mutter der Kirche“ verlieh. Den Titel, der gerade erst aus dem Schema über die Kirche entfernt worden war; die Befürworter waren begeistert.

Selbst Vertreter der „Liberalen“ waren allerdings entsetzt, als sie erkannten, wie die Presse die obigen Ereignisse aufgegriffen hatte, um über den Papst herzufallen und verlautbarten Klarstellungen.

Der Rhein fließt in den Tiber - 4: Es wird hässlich/Vor der dritten Sitzungsperiode, Anfang 1964



Die Beteiligten sahen zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht, dass sich allmählich Dinge manifestierten, die das Konzil in sich sehr veränderten. Man sah die Sachzwänge: eine echte, ehrliche Diskussion mit so vielen Teilnehmern, hätte wohl noch viele Sitzungsperioden verlangt.  Daher wurden die Redemöglichkeiten stark beschränkt, was aber andererseits einen Meinungsbildungsprozess sehr behinderte. Es wurde leichter, die Diskussion zu manipulieren.
In der Begeisterung über strategische Erfolge und im Glauben, der Kirche damit nützen zu können, wurde gelegentlich vergessen, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt. Andersdenkende wurden diffamiert oder lächerlich gemacht. Widerstand gegen die eigene Meinung wurde als Bedrohung gesehen.

Es begann im Januar 1964. Bischof Hengsbach von Essen schlug in einem Artikel vor, Details zu den Schemata sollten von Kommissionen erarbeitet werden, die natürlich nicht die Autorität des Konzils selbst hätten.
Elf Tage später traf sich die Koordinierungskommission im Vatikan und verfasste Beschlüsse mit Folgen, die die vierjährige Arbeit an einigen Schemata nichtig machten: das Schema über die Ostkirche und über die Priester waren stark zu kürzen. Ebenso das über Studien und Seminare, das über die katholischen Schulen und das über die Orden. Gleiches galt für das Dekret über das Ehesakrament und das über die Missionen. Die gekürzten Schemata sollten nicht mehr im Konzil diskutiert werden, sondern es sollte direkt eine Abstimmung stattfinden.
Dies sollte die Arbeit des Konzils beschleunigen. Interessant ist hier, was die Koordinierungskommission als weniger wichtig erachtete und daher auf diesen Status reduzierte.

Die Verfahrensregeln wurden dahin geändert, dass jeder, der eine Erklärung zurückweisen wollte, siebzig unterstützende Unterschriften benötigte, um den Redeantrag zu stellen (anfangs keine, im Vorjahr fünf). – Dadurch wurde die tatsächlich mögliche Diskussion, die von Papst Johannes XXIII gewünscht worden war, die aber sehr zeitaufwendig war, weitgehend eingeschränkt.
Diskutiert werden sollten das Schema über die Kirche, das über die Bischöfe, das über den Ökumenismus, über die göttliche Offenbarung, über das Laienapostolat und das über die Kirche in der Welt von heute.
Es bildeten sich Oppositionsgruppen von Bischöfen (genötigt durch die Zahl von 70 geforderten Unterschriften), die konservativste, die CIP bekam eine sehr schlechte Rezeption in der Presse – ein bedauerlicher Versuch, die – mittlerweile - Minoritätenmeinung (die zu Beginn des Konzils in vielem Majoritätsmeinung gewesen war) von vorneherein zu disqualifizieren. Auch seitens von Bischöfen kam es zu sehr unsachlichen Bemerkungen betreffs Angehöriger dieser Gruppe, als diese allmählich an Zulauf gewannen. Gerne wurde das Etikett „erzkonservativ“ verliehen.

Es ist hier auch wichtig, zu sehen, welche logistischen Probleme auftraten. Das Konzil fand bis zur vierten Sitzungsperiode ohne Simultanübersetzung, also nur auf Latein, statt, weil viele Vortragende fürchteten, die Übersetzung könne nicht gut genug sein. So aber waren viele des Lateins nicht ausreichend mächtig, um alle Details verstehen zu können.
Auch wurden keine offiziellen Aufzeichnungen der Interventionen erstellt. Diese führte zu einem nicht unerheblichen Mangel an Information unter den Konzilsvätern.

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Der Rhein fließt in den Tiber - 3: die 2. Sitzungsperiode


Die zweite Sitzungsperiode begann schon unter Papst Paul VI. In Vorbereitung auf das Treffen hatten sich einige der Konzilsväter in Gruppen getroffen. Die effektivste mit der eingehendsten Vorbereitung war die der Deutschsprachigen, bei der 480 Seiten Kommentare und Alternativschemata an alle ausgeteilt wurden. Für die Konzilssitzungen wurde das Reglement geändert, so dass sichergestellt wurde, dass auch Minderheitenpositionen ausführlich zu Gehör gebracht werden konnten. Die Periti erhielten die Möglichkeit, sich selbst zu äußern. Es wurden vier neue Moderatoren ernannt.

Die Sitzungen „Über die Kirche“ begannen. Hauptthema war dabei das Kollegialitätsprinzip, d.h. ob und inwieweit die Bischöfe ihre Entscheidungen auch unabhängig vom Papst treffen können bzw. inwieweit der Papst Entscheidungen unabhängig vom Bischofskollegium treffen kann. Dies war als ergänzendes Element zum Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes Gedacht, der auf dem Vaticanum I erklärt worden war. Wortmeldungen gab es auch dazu, dass die Gründung von Bischofskonferenzen die Autonomie der einzelnen Bischöfe stark beschneiden würden und die Gefahr mit sich brächten, dass Minderheitenmeinungen innerhalb der Bischofskonferenz zum Schweigen verurteilt würden, um nicht Spaltung und Uneinigkeit nach außen zu tragen und die Autorität in Frage zu stellen. Vielen ging es darum, die Position der Bischöfe gegenüber der Kurie zu stärken. Zu dem Thema gab es ein eigenes unabhängig behandeltes Schema.

Das ursprüngliche Dokument über die Jungfrau Maria wurde seitens Rahners und anderer als bedenklich betrachtet, da es ökumenisch großen Schaden anrichten könne. Rahner befürchtete aber in der Frage großen Widerstand beim Konzil und wollte daher daraufhin arbeiten, aus dem Dokument ein Kapitel im Dokument über die Kirche zu machen.  Besonders problematisch empfand er den Titel „Mittlerin aller Gnaden“; auch innerhalb der deutschen Kirche konnte er aber nicht wie beabsichtigt durchsetzen, dass der Titel „Mittlerin“ ganz gestrichen werde.  Eine andere Gruppe brachte den Antrag, Maria solle offiziell als „Miterlöserin“ in der dogmatischen Konstitution genannt werden.

In einer ersten Abstimmung wurde beschlossen, das Marien-Schema in das Kirchenschema einzugliedern, da Maria auch Teil der Kirche sei.

Viel diskutiert wurde die Neueinrichtung des ständigen Diakonates; es war die Frage, ob dieses Amt den Unverheirateten vorbehalten bleiben solle. Verwirrung gab es bei den gemeinsam diskutierten Kapiteln über die Laien und das Volk Gottes, weil hier der Text bei Versendung der Dokumente nicht vollständig gewesen war und weil das neue Kapitel zum Volk Gottes, das sich explizit nicht nur auf Kirchenmitglieder beziehen sollte Fragen aufwarf.

Auf Betreiben Rahners war aus dem neuen Entwurf das Kapitel über die Orden entfernt und eines über die Berufung zur Heiligkeit ersetzt worden, Begründung war, dass eine spezielle Erwähnung der Orden bei Protestanten Vorbehalte verstärken könne. Die Orden waren darüber sehr betroffen. Die zahlreichen eingereichten Interventionen wurden aber – im Bruch zu den Regeln dafür – nicht alle angehört. Dies löste heftigen Widerstand aus, so dass ein Kapitel über die Orden letztendlich wieder eingefügt werden musste.
Das Schema über den Ökumenismus wurde nach langer Diskussion zur Revision gegeben.

Ein Vorstoß der vier Moderatoren, Punkte formulieren zu dürfen, über die direkt abgestimmt werden könne, wurde zurückgewiesen. Durch diese Methode wäre es einfacher gewesen, Fakten zu schaffen und die Diskussion zu beeinflussen.

Es wurde beschlossen, die Zahl der Kommissionsmitglieder um fünf auf dreißig zu erhöhen.

Es begann, die (Un-)Sitte, in inoffiziellen Gruppen erstellte Dokumente zu vervielfältigen und zu verteilen.  (Im Falle eines Bistums führte das dazu, dass der Weihbischof Papiere austeilte, die der Bischof möglichst schnell wieder einsammelte. – Anmerkung des Bloggers) Das Dekret über Kommunikationsmittel wurde trotz solcher Kampagnen dagegen angenommen. In der Folge wurde es verboten, Drucksachen aller Art in der Konzilsaura oder ihrer Nähe zu verteilen.

Das revidierte Schema über die Liturgie wurde angenommen, promulgiert und für den 16.2.1964 in Kraft gesetzt. Es war in vielen Teilen bewusst vage gehalten, da sich die Kommission in verschiedenen Punkten nicht hatte einigen können, so z.B. darüber ob der gregorianische Choral auch in der Landessprache gesungen werden könne. Im Januar 1964 wurde per Motu proprio bekanntgegeben, dass neue liturgische Bücher verfasst werden müssten. Ein Proteststurm brach los, insbesondere weil damit die Einführung der Volkssprache verschoben wurde. Das Motu proprio wurde daraufhin umgeändert.

Dienstag, 28. Dezember 2010

Der Rhein fließt in den Tiber - 2: Diskussion über Liturgie und Kirche in der ersten Sitzungsperiode


Die erste Sitzungsperiode (11.10.-8.12.1962)
Es gab zehn Konzilskommissionen, zu denen. Je 16 Mitglieder wurden gewählt, 9 vom Papst bestimmt.
Es war Aufgabe des Konzils vorläufige Entwürfe, genannt Schemata) zu überprüfen, sie eventuell zu verbessern oder zu verwerfen. Die ersten 20 Schemata waren über ca. 3 ½ Jahre bis zur Konzilseröffnung erarbeitet worden. Drei Monate vor dem Konzil wurden die ersten 7 Schemata an die Konzilsväter versschickt. Die Themen waren  „Die Quellen der Offenbarung“, „Reinerhaltung des Depositum Fidei“, „Christliche Moralordnung“, „Keuschheit, Ehe, Familie und Jungfräulichkeit“, „Liturgie und zwei weitere. Auf eine Initiative von P. Schillebeeckx hin, wurde das Schemata zur Liturgie, das ihm das ausgereifteste erschien, zuerst behandelt.
Die Besprechung des Depositums begann mit Diskussionsbeiträgen darüber, ob das Latein weiterhin die zeitgemäße Sprache für alle laut gesprochenen Teile der Messe sein könne und solle. Zu diesem Zeitpunkt war es noch vollkommen selbstverständlich, dass die Worte des Hochgebets still gebetet wurde.  Insbesondere Missionsbischöfe schlossen sich dem Wunsch nach Verwendung der lokalen Sprache an, weil sie hier die Möglichkeit sahen, den Glauben einfacher zu vermitteln. Ihnen ging es auch darum,  Riten wie dem der Eheschließung symbolische Handlungen einfügen zu können, die den lokalen Traditionen stärker entsprachen und dem Empfinden der Menschen leichter zugänglich waren.
Bischof Naga aus Japan z.B. wollte Kniebeugen durch tiefe Verbeugungen ersetzt sehen, den Gebrauch des Kreuzzeichens und das Küssen von Gegenständen (Küsse galten dort generell als zu intim für die Öffentlichkeit) einschränken.
Bischof Duschak (Philippinen, Deutscher) regte an, eine „ökumenische Messe“, laut gesprochen, zum Volk hin, mit neuem Messformular zu entwerfen (der Beschreibung in etwa das, was wir heute als Ordo novus kennen – allerdings ohne die kreativen Zusätze, die dann üblich wurden).  Allerdings schwebte ihm dies als Zusatzform für den ökumenischen Einsatz vor – also in einer Art Brückenfunktion zur traditionellen Messe hin.
Schon vor Ende des Konzils waren drei solche Messformulare ad experimentum approbiert worden. Man versprach sich davon ein allgemeines Aufleben der Spiritualität.
Bei diesen Beiträgen – die Redezeit war auf 10 min beschränkt, die Anzahl der Redner war nicht beschränkt - kam es zu einem im nachhinein als durchaus unschön einzustufenden Vorfall. Der fast blinde Kardinal Ottaviani überschritt die Redezeit deutlich und war so in seine Rede vertieft, dass ihm schließlich das Mikrofon ausgeschaltet wurde.  Die meisten applaudierten. – Bereits hier wird der Zeitdruck deutlich, unter dessen Zwängen schließlich viele Entscheidungen nicht ausreichend diskutiert werden konnten.
Am 6. November wurde das Konzilspräsidium ermächtigt, eine Debatte per Abstimmung schließen zu lassen, wenn das Thema erschöpfend behandelt worden sei. Weniger wichtige Kapitel sollten gesammelt nicht einzeln diskutiert werden. Für Interessengruppen sollten nur noch Vertreter sprechen.
Diskutiert wurde auch, ob und wie das Breviergebet geändert werden sollte, von vielen wurde eine Reduzierung gefordert. Dies solle zugunsten von privatem Gebet und Frömmigkeitsübungen geschehen.
Es gab Vorschläge, den Ostertag fest auf den ersten Aprilsonntag zu legen. Bischof Pohlschneider von Aachen schlug vor, das Fasten in der Fastenzeit auf drei Tage zu beschränken, da es der moderne Mensch ohnehin nicht beobachte und auch der Klerus sich davon gewöhnlich dispensiere. Statt dessen solle jeder aufgerufen sein, „spezielle Opfer“ zu bringen. Auf Antrag von Bischof Cousineau wurde der Name des heiligen Josefs mit Gültigkeit ab dem 8. Dezember in den Messkanon eingefügt. Sechs Bände von Petitionen darum hatten bereits im März 1962 vorgelegen.
Das Schema über die „Quellen der Offenbarung“ wurde am 14. November vorgelegt. Zu diesem Zeitpunkt war unter den Konzilsvätern bereits ein Konkurrenzschema verteilt worden. Es ging auf die Bischofskonferenzen Österreichs, der Schweiz, Deutschlands, der Niederlande und Belgiens zurück und nahm für sich in Anspruch positiver und pastoraler zu sein. Es stellte sich heraus, dass diese Gruppe bei der Vorbereitung des offiziellen Schematas überstimmt worden war und nun so dafür sorgte, dass ihre Meinung allen vorgetragen wurde. Nach viel Empörung und stürmischen Diskussionen  wurde nach einem Appell von Bischof De Smedt (Belgien) für Sekretatariat des Rates für die Einheit der Christen, der im offiziellen Schema einen Mangel an ökumenischem Geist kritisierte, beschlossen die Diskussion zu unterbrechen. Der Papst entschied, das Schema vor der Neuvorlage durch eine neue Kommission revidieren zu lassen.
Nach schwerer Kritik am Schema „Über die Kirche“ wurde beschlossen, die Schemata „Über die Kirche“ und „Über den Ökumenismus“ mit den „Quellen der Offenbarung“ zu einem Schema zusammenzulegen.
Viele organisatorische Gründe führten dazu, dass eine zweite Sitzungsperiode erst am 8. September 1963 beginnen sollte.  Zum Ende der ersten Periode war noch kein Text approbiert worden