Wie Vincentius Lerinensis schon im Kommentar zum letzten Post anmerkt: "die eigentlich Aussage der Studie ist weniger, daß die neueren Milieus
keine Andockmöglichkeit in der gegenwärtigen Kirche finden, sondern
(wieder rein deskriptiv), daß sich nur bestimmte Milieus überhaupt noch
für die Kirche interessieren" und "die Milieus folgen nicht aufeinander, sondern stehen nebeneinander. Daß
die neueren Milieus in den jüngeren Generationen stärker vertreten
sind, liegt natürlich in der Natur der Sache, aber heißt weder, daß
nicht auch Ältere in diesen Milieus vertreten sind und Jüngere in den
anderen Milieus".
Das zweite zuerst: Genauso ist es. Alle beschriebenen Milieus sind zum Zeitpunkt der Studie existent und ihnen zuordenbar sind Menschen verschiedensten Alters. Die Schwerpunkte bei der Verteilung liegen allerdings bei den entsprechenden Altersgruppen. Das ist wohl ein wenig wie die schöne kugelförmige Aufenthaltswahrscheinlichkeit des Elektrons beim Wasserstoffatom: das Elektron befindet sich innerhalb auf dem Radius der Kugel und eventuell auch außerhalb oder innerhalb davon. Aber vereinfacht lässt es sich besser darstellen.
Die Milieus sind Zustandsbeschreibungen, keine Festlegungen. Menschen bewegen sich in und durch Milieus und können sie wechseln, wenn sich ihre Interessen und Überzeugungen ändern. Die Zustandserhebung zum Studienzeitpunkt hat als Momentaufnahme eine vorübergehende Verteilungswahrscheinlichkeit ermittelt.
Nun zum ersten Kritikpunkt. Genauso wurde mir das schon zweimal vorgestellt: "Die Milieus x und y werden von der Kirche nicht erreicht, weil diese für sie uninteressant ist. Wir sollten eventuell Leute finden, die spezielle Angebote für diese Gruppen machen, die ihnen entgegenkommen. Wäre das nicht eine Aufgabe für die neue geistliche Gemeinschaft xyz?" - An dieser Stelle bekomme ich dann die virtuellen Bauchschmerzen, weil das für viele hinausläuft auf ein "lasst jeden seine eigene Kirche bauen, Hauptsache sie fühlen sich wohl drin".
Die Tatsache ist aber, dass jeder, gleich in welchem Milieu, eine Bekehrung zum Glauben nötig hat. Nur stehen dieser Bekehrung je nach Milieu verschiedene Hindernisse im Weg. Ob nun bei "Traditionsbewussten" ein "damit brauche ich mich nicht auseinanderzusetzen, ich gehöre sowieso dazu" oder bei den "Hedonisten" das "ich weiß genau, dass die Kirche mich und meinen Lebensstil verurteilt - so pharisäisch will ich nicht sein" oder die "bürgerliche Mitte" mit "ich hätte gerne harmonische nicht-moralisierende und unterhaltsame Rundumversorgung" oder diese engagierte Truppe, die meint die Kirche solle bitteschön die Basis für ihre Selbstverwirklichung liefern. Alle diese Haltungen stehen einer persönlichen Bekehrung arg im Weg.
Jede der beschriebenen Gruppen ist ein Missionsfeld. Tragisch ist, dass die Gemeinschaft der Glaubenden durchaus attraktiv, sinnvoll und begehrenswert für jedes dieser Milieus sein kann, aber dass diese Tatsache derzeit dadurch verdeckt wird, dass 2-3 Milieus das Außenbild derart prägen, dass die, die anderen Milieus angehören, kaum oder gar nicht erkennen können, dass ihnen ein vollkommen falsches Bild dieser Gemeinschaft präsentiert wird, die für sie essentiell sein könnte.
Die allgemein verbreitete Interpretation der Studie ist (natürlich) soziologisch geprägt und vieles wird durch die Brille eines bestimmten Milieus gesehen. Unabhängig davon werden in der Studie aber auch objektive Beobachtungen gemacht. Wenn diese richtig genutzt würden, würde sich ein gewaltiges Potential eröffnen. - Ich bin kein Soziologe, Pädagoge, Psychologe oder was auch immer. Für mich ist die Darstellung der Studie wie die Doppelseite im Atlas, die mir in der mündlichen Prüfung in Erdkunde plötzlich vorgelegt wurde. Ich hatte keine Ahnung von den Anliegerstaaten des Aralsees, aber ich habe die Karten auf den zwei Seiten so in alle Richtungen durchinterpretiert, dass es die beste Prüfung des Jahrgangs wurde. - Im konkreten Fall kenne ich Leute aus den meisten Milieus und gehöre selbst recht eindeutig zur Untergruppe "Experimentalisten". Die deutsche Kirche hätte mich, wie sie ist, nie erreicht, das war so etwas von abschreckend. Aber genau darum weiß ich, dass das Bild, das die Kirche da bietet, nicht der Wahrheit entspricht. Mich persönlich hat es erfreut, endlich eine Art Beweis zu haben, definitiv kein Konservativer oder Traditionsbewusster zu sein. Nicht weil ich etwas gegen diese Milieus hätte; ich gehöre da nur nicht hinein und verabscheue es, dahin sortiert zu werden. Mein Blickwinkel auf die Fakten dieser Studie ist daher ein völlig anderer als der von jemandem aus der "Bürgerlichen Mitte". Ich sehe brach liegendes Land, wo diese unerreichbare Gegenden kartographiert haben.
Man muss in vielen Feldern die Frage stellen: Was heißen denn die Beobachtungen dieser Studie in Bezug auf die eine oder andere verbreitete Meinung?
Das Material an sich ist gut. Die richtigen Fragen dazu scheinen bisher zu fehlen, die es fruchtbar machen. Ein Grund kann sein, dass die Erkenntnis des eigenen Milieus bisherige Ansichten des Einzelnen, die ihm unverrückbar und eindeutig erschienen, in Frage stellt.
Ein guter Ansatzpunkt für eine Nutzung des Materials scheint mir die Übersicht der "do"s und "don't"s für die einzelnen Gruppen sein. Denn die sind hilfreich, um mit den jeweiligen Milieus ins Gespräch kommen zu können, ohne sofort durch unglückliche Wort- oder Vorgehenswahl Vorurteile gegeneinander zu zementieren.
Und zu allermindest kann ich durch ein Diskutieren des Themas für andere Interessierte ein paar Informationen und Anregungen über das Internet verfügbar machen.
Die angeblich von der Kirche unerreichbaren Gruppen sind sehr wohl erreichbar, und die Materialsammlung der Studie könnte dabei helfen.
Oremus pro Pontifice nostro Franzisco.
Dominus conservet eum et vivificet eum
et beatum faciat eum in terra et
non tradat eum in animam inimicorum eius.
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Sonntag, 17. Juni 2012
wirklicher Reformstau: das Priesterbild der Sinus-Milieugruppen
Wie im vorigen Beitrag schon angedeutet wird das Erscheinungsbild der katholischen Kirche in Deutschland seit nunmehr 50 Jahren durch Milieus geprägt und dominiert, die dem Feld B ("Modernisierung") entsprechen. Das vorhergehende Feld A ("traditionelle Werte") wurde weitgehend marginalisiert. Das eigentlich seit den 80er Jahren in der Bevölkerung vorherrschende Feld C ("Neuorientierung") findet bisher so gut wie keine Repräsentanz.
Viele werden jetzt ein Aha-Erlebnis haben, wenn sie erfahren, was die einzelnen Milieus von einem Pfarrer/Priester erwarten.
In den 50er und 60er Jahren war die mehrheitliche Erwartung, der Pfarrer solle ein Pastor (ein Hirte) und/oder ein Glaubenshüter sein. Charakteristisch ist, dass hier Weisungen erwartet werden, wie man leben soll, und dass eine Überlegenheit zugebilligt wird.
Die Erwartung der späten 60er, 70er und teilweise noch der 80er Jahre war, der Pfarrer solle ein Sozialarbeiter und/oder Animateur, evtl. auch eine Art Repräsentant (was einer Art Galeonsfigur entsprechen würde, da er keinesfalls sich oder Lehramtliches repräsentieren soll sondern eher das Milieu).
In den 80ern wurde ein neues Milieu stärker, das allmählich mit dem Selbstbild des B-Bereiches ("wir wissen genau wie alles zu sein hat und wollen darin bestärkt werden") brach. Dieses Milieu, "Postmaterielle" genannt, erwartete einen Motivator. Jemanden also, der eine Vision hat und anderen hilft, mit dieser neue Orientierung zu finden.
Spätestens seit den 90er Jahren dominieren die drei Milieus, die sich in einem Priester einen "Kumpel" (gemeint ist in Abgrenzung zu einem Hirten ein guter, stark anteilnehmender Freund), einen Mystiker und/oder einen Experten erwartet. Diese Menschen wissen nicht schon alles, sie suchen, wollen aber nur vertrauen, wenn Chancen bestehen, etwas zu finden, das sie noch nicht haben. Um das einmal grob auszudrücken.
Es wird also wieder Orientierung gesucht, am besten durch gelebtes Vorbild, gelebte Kompetenz, was zwar nicht zugleich einen Status der Überlegenheit zubilligt aber dem Authentischen durchaus Respekt zollt.
Diese Haltung wird von den sich im B-Bereich Wohlfühlenden zumeist mit den Anschauungen des A-Bereichs verwechselt, dessen Erstarken sie als Bedrohung empfinden würden. Im A-Bereich verschaffte die Autorität von Priestern, Ärzten, Lehrern, Politikern oft einen durchaus auch kritikwürdigen gottgleichen Status für Einzelne. Der B-Bereich setzte sich die Beseitigung solcher Autoritäten zum Ziel, kürte aber gerade die Akteure des Anti-Autoritären zur neuen Autorität, ein Widerspruch, der innerhalb dieser Gruppe meist nicht wahrgenommen wird. Der C-Bereich sucht Autorität, die sich aus Kompetenz ergibt und die man, falls sie überzeugt, anerkennen kann. Allein diese Suche nach Autorität macht ihn aber dem B-Bereich suspekt.
Wir sehen also den wirklich extremen Reformstau. Wohl ca. 90 % kirchlicher Mitarbeiter und Vertreter in Deutschland entstammen dem B-Bereich, der ungeheuer von der alleinen Richtigkeit seiner Meinungen überzeugt ist, während die Menschen seit über 20 Jahren in Milieus mit einer völlig anderen Wirklichkeitswahrnhemung leben. Insbesondere werden die Bedürfnisse der neuen Generation oft mit der Begründung ignoriert, sie seien reaktionär und gehörten zur A-Mentalität, die man glücklich hinter sich gelassen habe. Es wird versucht, allen die B-Mentalität aufzuoktroyieren und eine Ablehnung derselben wird als verletzend empfunden.
Für die nach Orientierung suchende C-Generation ist es dahingegend äußerst frustrierend, wenn der erhoffte "Freund", nach dessen persönlicher Zuwendung man sich sehnt, sich nur als "Sozialarbeiter" erweist, der nach Schemata vorgeht und ganze Gruppen im Blick hat.
Wenn der erhoffte "Experte" der sachlich richtig über Glaubensinhalte informieren soll, sich als "Repräsentant" einer Meinung mit ideologischen Zügen erweist, der zu sachlicher Information unfähig geworden ist.
Wenn der Mensch, bei dem eine gewisse Vertrautheit mit mystischer Erfahrung, und ein reiches Glaubensleben vermutet werden, von dessen Erfahrung man profitieren kann, nur ein Animateur ist, der Anleitungen zu sinnlosen Spielen gibt und Beschäftigungstherapie macht, die Leere nur verdecken kann.
Hier ist der wahre Reformstau in der deutschen katholischen Kirche. Hier findet die tatsächliche Wirklichkeitsverweigerung statt.
Andererseits hat man mit der Sinus-Milieu-Studie tatsächlich eine exzellente Grundlage geschaffen, auf der basierend der suchenden neuen Generation geholfen werden kann, die Schönheit des Glaubens zu entdecken. Hier wären exzellente Arbeitshilfen für das Jahr des Glaubens ausarbeitbar. Doch leider werden all die sorgfätig erarbeiteten Erkenntnisse zum einen nicht ausreichend publik gemacht, zum andern nicht angewandt.
Sicher ist es jemandem aus dem B-Milieu nur sehr schwer möglich, aus seinem Milieu herauszugehen, in dem er sich sicher fühlt, die ganzen eingefahrenen Denkweisen zu verlassen und sich aufs uferlose Meer zu begeben, wo die Schiffbrüchigen unserer Zeit herumtreiben. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Heilige Geist auch hier Fenster und Türen aufreißt und Ihm Raum zum Wirken gegeben wird.
Viele werden jetzt ein Aha-Erlebnis haben, wenn sie erfahren, was die einzelnen Milieus von einem Pfarrer/Priester erwarten.
In den 50er und 60er Jahren war die mehrheitliche Erwartung, der Pfarrer solle ein Pastor (ein Hirte) und/oder ein Glaubenshüter sein. Charakteristisch ist, dass hier Weisungen erwartet werden, wie man leben soll, und dass eine Überlegenheit zugebilligt wird.
Die Erwartung der späten 60er, 70er und teilweise noch der 80er Jahre war, der Pfarrer solle ein Sozialarbeiter und/oder Animateur, evtl. auch eine Art Repräsentant (was einer Art Galeonsfigur entsprechen würde, da er keinesfalls sich oder Lehramtliches repräsentieren soll sondern eher das Milieu).
In den 80ern wurde ein neues Milieu stärker, das allmählich mit dem Selbstbild des B-Bereiches ("wir wissen genau wie alles zu sein hat und wollen darin bestärkt werden") brach. Dieses Milieu, "Postmaterielle" genannt, erwartete einen Motivator. Jemanden also, der eine Vision hat und anderen hilft, mit dieser neue Orientierung zu finden.
Spätestens seit den 90er Jahren dominieren die drei Milieus, die sich in einem Priester einen "Kumpel" (gemeint ist in Abgrenzung zu einem Hirten ein guter, stark anteilnehmender Freund), einen Mystiker und/oder einen Experten erwartet. Diese Menschen wissen nicht schon alles, sie suchen, wollen aber nur vertrauen, wenn Chancen bestehen, etwas zu finden, das sie noch nicht haben. Um das einmal grob auszudrücken.
Es wird also wieder Orientierung gesucht, am besten durch gelebtes Vorbild, gelebte Kompetenz, was zwar nicht zugleich einen Status der Überlegenheit zubilligt aber dem Authentischen durchaus Respekt zollt.
Diese Haltung wird von den sich im B-Bereich Wohlfühlenden zumeist mit den Anschauungen des A-Bereichs verwechselt, dessen Erstarken sie als Bedrohung empfinden würden. Im A-Bereich verschaffte die Autorität von Priestern, Ärzten, Lehrern, Politikern oft einen durchaus auch kritikwürdigen gottgleichen Status für Einzelne. Der B-Bereich setzte sich die Beseitigung solcher Autoritäten zum Ziel, kürte aber gerade die Akteure des Anti-Autoritären zur neuen Autorität, ein Widerspruch, der innerhalb dieser Gruppe meist nicht wahrgenommen wird. Der C-Bereich sucht Autorität, die sich aus Kompetenz ergibt und die man, falls sie überzeugt, anerkennen kann. Allein diese Suche nach Autorität macht ihn aber dem B-Bereich suspekt.
Wir sehen also den wirklich extremen Reformstau. Wohl ca. 90 % kirchlicher Mitarbeiter und Vertreter in Deutschland entstammen dem B-Bereich, der ungeheuer von der alleinen Richtigkeit seiner Meinungen überzeugt ist, während die Menschen seit über 20 Jahren in Milieus mit einer völlig anderen Wirklichkeitswahrnhemung leben. Insbesondere werden die Bedürfnisse der neuen Generation oft mit der Begründung ignoriert, sie seien reaktionär und gehörten zur A-Mentalität, die man glücklich hinter sich gelassen habe. Es wird versucht, allen die B-Mentalität aufzuoktroyieren und eine Ablehnung derselben wird als verletzend empfunden.
Für die nach Orientierung suchende C-Generation ist es dahingegend äußerst frustrierend, wenn der erhoffte "Freund", nach dessen persönlicher Zuwendung man sich sehnt, sich nur als "Sozialarbeiter" erweist, der nach Schemata vorgeht und ganze Gruppen im Blick hat.
Wenn der erhoffte "Experte" der sachlich richtig über Glaubensinhalte informieren soll, sich als "Repräsentant" einer Meinung mit ideologischen Zügen erweist, der zu sachlicher Information unfähig geworden ist.
Wenn der Mensch, bei dem eine gewisse Vertrautheit mit mystischer Erfahrung, und ein reiches Glaubensleben vermutet werden, von dessen Erfahrung man profitieren kann, nur ein Animateur ist, der Anleitungen zu sinnlosen Spielen gibt und Beschäftigungstherapie macht, die Leere nur verdecken kann.
Hier ist der wahre Reformstau in der deutschen katholischen Kirche. Hier findet die tatsächliche Wirklichkeitsverweigerung statt.
Andererseits hat man mit der Sinus-Milieu-Studie tatsächlich eine exzellente Grundlage geschaffen, auf der basierend der suchenden neuen Generation geholfen werden kann, die Schönheit des Glaubens zu entdecken. Hier wären exzellente Arbeitshilfen für das Jahr des Glaubens ausarbeitbar. Doch leider werden all die sorgfätig erarbeiteten Erkenntnisse zum einen nicht ausreichend publik gemacht, zum andern nicht angewandt.
Sicher ist es jemandem aus dem B-Milieu nur sehr schwer möglich, aus seinem Milieu herauszugehen, in dem er sich sicher fühlt, die ganzen eingefahrenen Denkweisen zu verlassen und sich aufs uferlose Meer zu begeben, wo die Schiffbrüchigen unserer Zeit herumtreiben. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Heilige Geist auch hier Fenster und Türen aufreißt und Ihm Raum zum Wirken gegeben wird.
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