Oremus pro Pontifice nostro Franzisco.

Dominus conservet eum et vivificet eum

et beatum faciat eum in terra et

non tradat eum in animam inimicorum eius.

Sonntag, 17. Juni 2012

wirklicher Reformstau: das Priesterbild der Sinus-Milieugruppen

Wie im vorigen Beitrag schon angedeutet wird das Erscheinungsbild der katholischen Kirche in Deutschland seit nunmehr 50 Jahren durch Milieus geprägt und dominiert, die dem Feld B ("Modernisierung") entsprechen. Das vorhergehende Feld A ("traditionelle Werte") wurde weitgehend marginalisiert. Das eigentlich seit den 80er Jahren in der Bevölkerung vorherrschende Feld C ("Neuorientierung") findet bisher so gut wie keine Repräsentanz.

Viele werden jetzt ein Aha-Erlebnis haben, wenn sie erfahren, was die einzelnen Milieus von einem Pfarrer/Priester erwarten.
In den 50er und 60er Jahren war die mehrheitliche Erwartung, der Pfarrer solle ein Pastor (ein Hirte) und/oder ein Glaubenshüter sein. Charakteristisch ist, dass hier Weisungen erwartet werden, wie man leben soll, und dass eine Überlegenheit zugebilligt wird.
Die Erwartung der späten 60er,  70er und teilweise noch der 80er Jahre war, der Pfarrer solle ein Sozialarbeiter und/oder Animateur, evtl. auch eine Art Repräsentant (was einer Art Galeonsfigur entsprechen würde, da er keinesfalls sich oder Lehramtliches repräsentieren soll sondern eher das Milieu).

In den 80ern wurde ein neues Milieu stärker, das allmählich mit dem Selbstbild des B-Bereiches ("wir wissen genau wie alles zu sein hat und wollen darin bestärkt werden") brach. Dieses Milieu, "Postmaterielle" genannt, erwartete einen Motivator. Jemanden also, der eine Vision hat und anderen hilft, mit dieser neue Orientierung zu finden.

Spätestens seit den 90er Jahren dominieren die drei Milieus, die sich in einem Priester einen "Kumpel" (gemeint ist in Abgrenzung zu einem Hirten ein guter, stark anteilnehmender Freund), einen Mystiker und/oder einen Experten erwartet. Diese Menschen wissen nicht schon alles, sie suchen, wollen aber nur vertrauen, wenn Chancen bestehen, etwas zu finden, das sie noch nicht haben. Um das einmal grob auszudrücken.

Es wird also wieder Orientierung gesucht, am besten durch gelebtes Vorbild, gelebte Kompetenz, was zwar nicht zugleich einen Status der Überlegenheit zubilligt aber dem Authentischen durchaus Respekt zollt.
Diese Haltung wird von den sich im B-Bereich Wohlfühlenden zumeist mit den Anschauungen des A-Bereichs verwechselt, dessen Erstarken sie als Bedrohung empfinden würden. Im A-Bereich verschaffte die Autorität von Priestern, Ärzten, Lehrern, Politikern oft einen durchaus auch kritikwürdigen gottgleichen Status für Einzelne. Der B-Bereich setzte sich die Beseitigung solcher Autoritäten zum Ziel, kürte aber gerade die Akteure des Anti-Autoritären zur neuen Autorität, ein Widerspruch, der innerhalb dieser Gruppe meist nicht wahrgenommen wird. Der C-Bereich sucht Autorität, die sich aus Kompetenz ergibt und die man, falls sie überzeugt, anerkennen kann. Allein diese Suche nach Autorität macht ihn aber dem B-Bereich suspekt.

Wir sehen also den wirklich extremen Reformstau. Wohl ca. 90 % kirchlicher Mitarbeiter und Vertreter in Deutschland entstammen dem B-Bereich, der ungeheuer von der alleinen Richtigkeit seiner Meinungen überzeugt ist, während die Menschen seit über 20 Jahren in Milieus mit einer völlig anderen Wirklichkeitswahrnhemung leben. Insbesondere werden die Bedürfnisse der neuen Generation oft mit der Begründung ignoriert, sie seien reaktionär und gehörten zur A-Mentalität, die man glücklich hinter sich gelassen habe. Es wird versucht, allen die B-Mentalität aufzuoktroyieren und eine Ablehnung derselben wird als verletzend empfunden.

Für die nach Orientierung suchende C-Generation ist es dahingegend äußerst frustrierend, wenn der erhoffte "Freund", nach dessen persönlicher Zuwendung man sich sehnt, sich nur als "Sozialarbeiter" erweist, der nach Schemata vorgeht und ganze Gruppen im Blick hat.
Wenn der erhoffte "Experte" der sachlich richtig über Glaubensinhalte informieren soll, sich als "Repräsentant" einer Meinung mit ideologischen Zügen erweist, der zu sachlicher Information unfähig geworden ist.
Wenn der Mensch, bei dem eine gewisse Vertrautheit mit mystischer Erfahrung, und ein reiches Glaubensleben vermutet werden, von dessen Erfahrung man profitieren kann, nur ein Animateur ist, der Anleitungen zu sinnlosen Spielen gibt und Beschäftigungstherapie macht, die Leere nur verdecken kann.

Hier ist der wahre Reformstau in der deutschen katholischen Kirche. Hier findet die tatsächliche Wirklichkeitsverweigerung statt.

Andererseits hat man mit der Sinus-Milieu-Studie tatsächlich eine exzellente Grundlage geschaffen, auf der basierend der suchenden neuen Generation  geholfen werden kann, die Schönheit des Glaubens zu entdecken. Hier wären exzellente Arbeitshilfen für das Jahr des Glaubens ausarbeitbar. Doch leider werden all die sorgfätig erarbeiteten Erkenntnisse zum einen nicht ausreichend publik gemacht, zum andern nicht angewandt.

Sicher ist es jemandem aus dem B-Milieu nur sehr schwer möglich, aus seinem Milieu herauszugehen, in dem er sich sicher fühlt, die ganzen eingefahrenen Denkweisen zu verlassen und sich aufs uferlose Meer zu begeben, wo die Schiffbrüchigen unserer Zeit herumtreiben. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Heilige Geist auch hier Fenster und Türen aufreißt und Ihm Raum zum Wirken gegeben wird.



Kommentare:

  1. Wenn ich mir die Einteilung der Milieus anschaue, dann schüttelt es mich gewaltig.

    Traditionsbewahrer sollen hauptsächlich der Unterschicht angehören? Tradition wird mit Beibehaltung des Status Quo gleichgesetzt?

    Unterschichtler sind am ehesten für gesellschaftliche Änderung, weil sie dadurch ihren gesellschaftlichen Aufstieg erhoffen. Traditionalisten haben bis auf die Gruppe "Des woar scho fei immer so" eine Vorstellung warum sie eine Tradition bewahren wollen!

    Oberschichtler sind eher gegen gesellschaftliche Änderung, weil sie ihre hegemoniale Stellung in der Gesellschaft behalten wollen, außer sie gehören zu der kleinen Gruppe der Ideologen, die glauben das RR gefunden zu haben (RR = rettendes Rezept, Hauptarbeitswerkzeug von Sektenführern und Politischen Ideologen).

    Die Oberschichtlichen Konservativen sollen humanistisch eingestellt sein? Die meinen doch hoffentlich nicht den Humanismus der HU und dem, was u.a. die Oberrechtsverdreherin Leutheusser-Schnarrenberger nebst Odenwaldschule als Humanismus predigt. In diesem Humanismus ist die Kirchenfeindlichkeit neben den Ideologen bestimmter Couleur am höchsten ausgeprägt.

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  2. Diese Titel für die Gruppen sind alle sehr unglücklich gewählt, die sollte man nicht zu ernst nehmen. Da hat sicher das Schubladendenken der Leute aus dem B-Bereich eine große Rolle gespielt. Aber die Beobachtungen, die gemacht werden, sind ziemlich gut.

    Das mit Unter- und Oberschicht ist auch nur teilweise anwendbar, zum Beispiel ändern sich die Zuordnungskriterien innerhalb dieses Profils plötzlich. Im A-Teil ist die Zuordnung von zu Unter- oder Oberschicht eher einkommensabhängig, im C-Teil dagegen bezeichnet sie das Maß an elitärer (nicht allgemeiner) Bildung.

    Im A-Teil gehört auch die Mittelschicht zu den Traditionsbewussten. Normales Denken würde vermutlich auch das konservativ nennen.

    Man sollte die Gruppen vielleicht besser nur mit Kürzeln benennen und die dort vertretenen Meinungen beschreiben, so dass jede Wertung entfällt, bis das einmal allgemein verständlich wird, bediene ich mich bei den Gruppen zunächst einmal der Anführungszeichen.

    So werden sogenannte "Traditionsverwurzelte" beschrieben als Menschen, die sich selbstverständlich als Christen sehen und die Glaubenssätze der Kirche als verbindlich ansehen. Es ist für selbstverständlich, zum Funktionieren der Kirche beizutragen. Die sogenannten "Konservativen" dahingegen sehen mehr die kulturellen Aspekte, die ihnen wichtig sind. Sie meinen die Kirche selbst nicht zu brauchen, aber halten sie für eine sinnvolle Institution." Das ist sicher schon ein elitäres Denken, das in den 50ern und 60ern eher die finanzielle Oberschicht charakterisierte. Wobei das natürlich nicht auf jeden Einzelnen zutrifft.

    Ich will, soweit ich Unterlagen habe, weiter auf Aspekte dieser Studie eingehen. Vielleicht können wir da ja etwas zusammenarbeiten, Markus der mit dem C. Dann könnte das eine sehr fruchtbare Diskussion werden, die schon lange überfällig ist.

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  3. Ähm, ich möchte dann doch mal was zum Verständnis der Sinus-Milieus einwerfen.

    Also, zunächst mal: Dein Post liest sich, als würdest Du die Milieus bestimmten Generationen zuordnen. Das ist so nicht richtig. Die Milieus folgen nicht aufeinandern, sondern stehen nebeneinander. Daß die neueren Milieus in den jüngeren Generationen stärker vertreten sind, liegt natürlich in der Natur der Sache, aber heißt weder, daß nicht auch Ältere in diesen Milieus vertreten sind und Jüngere in den anderen Milieus.

    Darüber hinaus sind das ästhetische Milieus. Ja, Ästhetik ist seit dem Iconic Turn ganz entscheidend wichtig geworden, aber die Übertragung auf kirchliche Ansichten krankt an einem Grundfehler der ganzen kirchlichen Sinus-Milieu-Studie. Die Sinus-Milieus sind für die Werbewirtschaft entwickelt worden: Wie müssen wir unsere Werbung gestalten, damit unsere Zielgruppe davon angesprochen wird.

    Die Namen der Milieus sind dementsprechend auch nicht auf kirchlichem Mist gewachsen, sondern auf, tja, was eigentlich? Irgendwas zwischen Soziologie und Glaskugelvision.

    Die verschiedenen Milieus sind erst auf eine Diagrammskala nach ihren zentralen Werten (x-Skala) und ihrem Bildungsstand (y-Skala) sortiert gebracht worden, und dann hat man ihnen (weitgehend willkürlich und rein beschreibend) Namen gegeben. Ob sich unter den "Traditionsverwurzelten" jetzt wirklich so viele "Tradis" finden oder die vielleicht eher "Konservative" sind, völlig schnurz. Das interessiert das Sinus-Institut überhaupt nicht, und die Ersteller der kirchlichen Sinus-Milieu-Studie eigentlich auch eher nur am Rande.

    Denn die eigentlich Aussage der Studie ist weniger, daß die neueren Milieus keine Andockmöglichkeit in der gegenwärtigen Kirche finden, sondern (wieder rein deskriptiv), daß sich nur bestimmte Milieus überhaupt noch für die Kirche interessieren.

    Soll jetzt alles nicht heißen, daß Du völligen Murks schreibst (im Gegenteil). An ein paar Stellen scheinen mir aber die genannten Mißverständnisse durchzuscheinen. Ich kann mich natürlich irren. :-)

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  4. Vincentius, du kommst meinem nächsten Post zuvor. :D
    Könntest Du allerdings so nett sein, kurz zu erklären, was denn nun in diesem Kontext "ästhetisch" bedeutet und was sich hinter "iconic turn" verbirgt?

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  5. Sowas :-)

    Also, iconic turn ist eine Parallelbildung zu linguistic turn, der philosophisch erst mal eine Hinwendung zur Sprachanalyse meint. Iconic turn bedeutet insofern eine Hinwendung zur Analyse von Bildersprache. In die Soziologie übertragen heißt das soviel wie Sprache (bzw. Bildersprache, Ästhetik) wird bewußt wahrgenommen und eingesetzt, auch um sich abzugrenzen. (Aber nicht nur: Auch die vielen Piktogramme, die uns mittlerweile überall über den Weg laufen, sind eine Folge des Iconic Turns, aber da geht es nicht um Abgrenzung, sondern um das Gegenteil, die Botschaft soll möglichst allen gleichermaßen verständlich sein.)

    Beispiel: Die Überarbeitung des FAZ-Layouts vor fünf Jahren war eine Folge des iconic turns. Die Titelseite war zuvor komplett mit Text bedruckt. Wichtig war das, was dort sprachlich ausgedrückt wurde. Aber das war nicht mehr "modern". Diese Konzentration auf Inhalte wurde von Kritikern als "Bleiwüste" bezeichnet. In der "neuen" FAZ ersetzte dann das Titelbild gleich einen ganzen Artikel, und viele andere Änderungen sollten die Zeitung "leichter" erscheinen lassen. Etwas, wofür sich der Mensch vor dem iconic turn überhaupt nicht interessiert hätte. Da wären Bilder und "Leichtigkeit" mit Boulevardpresse und damit Niveaulosigkeit gleichgesetzt worden -- unabhängig von der tatsächlichen Qualität des Inhalts (sowohl damals als auch heute).

    Entsprechend bedeutet "ästhetisch" in diesem Kontext: Was ist eine Bildersprache, die in einem bestimmten "Milieu" als die eigene verstanden wird? Bzw. umgekehrt (es geht ja um die Werbewirtschaft): Mit welcher Ästhetik spricht meine Werbung meine Zielgruppe an? Oder schärfer formuliert: Mit welcher Ästhetik kann ich ein bestimmtes Milieu manipulieren? (In dieser letzteren Formulierung steckt auch schon der Kern des Problems, Angebote für alle Milieus machen zu wollen. Aber dazu an der anderen Stelle mehr...)

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  6. und Marcus der mit dem c wird natürlich mit "c" geschrieben, ganz original wie bei den Römern :)

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  7. und danke für die Erklärungen, Vincentius. Ich vermute, den wenigsten ist so etwas geläufig.

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