Oremus pro Pontifice nostro Franzisco.

Dominus conservet eum et vivificet eum

et beatum faciat eum in terra et

non tradat eum in animam inimicorum eius.

Samstag, 7. Dezember 2013

Der Wurstelheimer PGR

Um ein wenig zu verdeutlichen, wie es mit der demokratischen Repräsentativität so mancher Pfarrgemeinderäte bestellt ist, möchte ich hier die Notizen eines Wurstelheimer Gemeindemitgliedes zur Verfügung stellen:

1968
Das Bistum Weinstadt führt die Pfarrgemeinderäte ein.
Das Interesse in Wurstelheim ist groß. Endlich soll es mehr Mitspracherecht geben.Wie es genau laufen wird, weiß man noch nicht.
Natürlich ist klar, dass die Honoratioren, die den "Himmel" tragen und ähnliche angesehene Pfarreimitglieder da hineingehören.
Es gibt 30 Kandidaten. 12 werden direkt gewählt, 4 dazugewählt. Die Wahlbeteiligung ist hoch.
Vositzender wird der einzige Professor, ein Architekt. Dank seines gewichtigen Titels wird er auch Mitglied des Diözesanrates.
(Anmerkung: Eigentlich ist er nur Dozent an der FHS, hat nie promoviert oder habilitiert, darf sich aber aus irgendwelchen Gründen Professor nennen.)

1972
Die Rückmeldungen aus der ersten Amtsperiode sind gemischt: Es war alles sehr neu. Die eigentlichen Entscheidungen habe der Pfarrer mit dem Vorsitzenden getroffen, aber man habe über alles abstimmen dürfen.
Der Andrang zur Wahl ist wieder hoch: 25 Kandidaten: 12 gewählt, 4 dazu bestimmt. Gleicher Vorsitzender, weil es dabei einen gescheiten Mann braucht
Zu den gewählten Vertretern kommen die Mitglieder kraft Amtes dazu: der neue Diakon, die Kindergartenleiterin, die Organistin.

1976/1980/1984
Nicht viel Neues. Die Kandidatenzahlen fallen. Es wird auf mehr Frauen im PGR gedrängt. Der Vorsitz wechselt an eine ebensolche, die bekannt ist für ihr großes Engagement bei allem, wo es eine helfende Hand gebraucht wird.
Es mehren sich die Gerüchte, dass der PGR ohnehin nichts zu melden habe.
Ein Gemeindereferent gesellt sich zu den Mitgliedern kraft Amtes.

1988/1992
Die Kandidatenzahlen fallen, inzwischen 16 - 20 für die 12 Plätze. Mehrere Leute, die kandidiert hatten, um bei ein paar brennenderen Anliegen für andere in der Gemeinde zu sprechen, lehnen eine Wiederkandidatur ab. Die wahre Macht läge ohnehin beim Verwaltungsrat und den Rest entscheide der Pfarrer mit Diakon und Gemeindereferent.
Tagesordnungspunkte erfährt man oft aus der Ankündigung am Tag zuvor. Es kann keine sinnvolle Diskussion stattfinden. Beginnt eine wird sie aus Hinweis auf Zeitmangel unterbunden, es sei denn es geht um wichtige Themen wie Kartoffelsorten für den Kartoffelsalat beim Pfarrfest.
Kandidaten für den Verwaltungsrat werden als alternativlos präsentiert und einstimmig gewählt. Da jeder neu gewählte Rat zu ca. 80% aus Neulingen besteht, fühlt sich niemand kompetent Einwände zu erheben.

1994/1998
Die Kandidatenzahlen stagnieren. In etwa die Hälfte der Kandidaten ist der Kerngemeinde unbekannt, da diese gewöhnlich nicht oder gar nicht im Gottesdienst zu sehen sind. Aber mit steigendem Kandidatenmangel wird die Suche nach ebensolchen intensiviert.
Der Wurstelheimer Kantorenkrieg beginnt. Das Thema bestimmt die meisten Sitzungen, aber Beschlüsse werden nicht umgesetzt.
Die Vorsitzende wechselt und versucht mehr Transparenz zu erreichen. Protokolle werden veröffentlicht.
Man munkelt, der Pfarrer traue sich nicht, der Organistin zu widersprechen und Ordnung zu schaffen und konzentriere sich mehr auf den Bau seines Alterssitzes, da sein Ruhestand bevorsteht.
Eines der neuen Mitglieder schließt sich kurz darauf einer anderen Religionsgemeinschaft an.
Der PGR führt eine Gemeindebefragung durch (Schwerpunkt: Kantoren), die Ergebnisse sind nicht opportun und werden ignoriert.
Die Abwanderung der Pfarrmitglieder in umliegende Pfarreien ist noch Gesprächsthema.

2002/2006
Die Kandidatenzahlen fallen: 16 lassen sich mit größeren Mühen auftreiben. Mitglieder der Kerngemeinde lehnen zum großen Teil die Kandidatur ab, weil es ohnehin nur sinnlos investierte Zeit und Arbeit sei.
Die Kandidatenwerber wenden sich beim Austragen des Pfarrbriefes an Leute, die keiner in der Gemeinde kennt und die verwundert ablehnen, weil sie die Pfarrgemeinde gar nicht kennen.
Die Vorsitzende führt einen Windmühlenkrieg in der Kantorenproblematik. Der neue Vorsitzende versucht selbstbewusst zu vermitteln aber resigniert schließlich auch.
Absprachen werden seitens des Pfarrers (mittlerweile der vierte Pfarrer in der Geschichte dieses PGR) - immer in Unio mit Verwaltungsrat und/oder Diakon und/oder Gemeindereferent ignoriert oder kreativ interpretiert.

2010
2 Wochen vor der Wahl sind erst 7 Kandidaten aufgetrieben. Man schafft es bis zum verlängerten Stichtag weitere 5 zu finden. 8 der 12 Kandidaten sind unter 30 Jahre alt, eine Altersgruppe, die in den Gottesdiensten außer als Ministranten im Altarraum weitgehend unsichtbar ist.
Wenn man sich umhört, können Gemeindemitglieder ca. 2-3 PGR-Mitglieder aufzählen. Kaum einer weiß, wer überhaupt gerade der Vorsitzende ist. Zum Glück kann man das im Pfarrbrief nachschlagen.
Der PGR versucht die Gemeinde vermehrt über das Internet zu erreichen, was aber kaum jemanden erreicht. Man vermutet, dass sich die PGR-Mitglieder redlich bemühen. Wie immer.

Ob repräsentative Demokratie so wirklich funktionieren kann?


Kommentare:

  1. Es lebe die Demokratie in der katholischen Kirche! - Kommen Sie aus dem gleichen Ort wie ich? Das kommt mir teilweise nur zu bekannt vor ...

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  2. Vermutlich nicht. Aber wie wir ja wissen, ist Wurstelheim überall.

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